Yunnan – in den Fängen der Teehändler

Meine Reise durch Yunnan plätscherte seit zweieinhalb Wochen so ziemlich vor sich hin und mir wurde langsam langweilig. Auch wenn die süd-westliche Provinz Chinas, die an Laos und Myanmar grenzt, unglaublich vielseitig und bunt ist und mit ihren Dörfern teilweise noch den Eindruck vermittelt, man sei in einem vergangenen Jahrhundert, sind die den Touristen gepriesenen Örtchen doch inzwischen meist mehr Disney als historisch.

lecker Futter  Auswahl

 

Ich war in den vergangenen Tagen in Shaxi, Tengchong und Dali. Reiste vorbei an Dörfern, deren Häuser in einer Art Communal Identity alle ähnliche Gemälde oder Mantren an den Wänden hatten. Sehr hübsch, wenn man mal die Dinosaurier außer Acht lässt, die ein Dorf auf seinen Mauern präsentierte… Aber das Nachbardorf züchtete besondere Pilze und warb mit Zeichnungen davon auf den Häuserwänden … wahrscheinlich hat die Dino-Truppe nur heimlich genascht.

Shaxi

 

Shaxi war hübsch und als Teil der Tea-Horse-Road, also dem Handelsweg zwischen Tibet und Puér für Pferde und Tee, relativ gut erhalten. Dorthin gelangte ich, weil mein Busfahrer mich vor dem Stranden im hässlichen Jianchuan rettete. Er verlud mich kurzerhand in seinen Privatwagen und verschleppte mich in das von seiner Familie geführte Guesthouse. Allerdings erst nach einer Portion Nudeln, während der er das Auto in dem ich sass von außen verriegelte :-))) (Er hatte wohl Angst, sein Fang würde verloren gehen.)

Bergtempel

Eine Freundin bescheinigte mir da nach einer ersten Zwischenmeldung noch per sms,  „Es geht schon wieder los“. Damit meinte sie, dass ich eigentlich immer besondere Menschen treffe oder in ungewöhnlichen Situationen lande. Doch die Hilfe des Busfahrers war zwar unglaublich nett, aber nicht sooo ungewöhnlich.

Auch die vom Busfahrer am nächsten Tag geführte Tour und Wanderung durch die Berge des Shibao Shan, die seit 1982 Naturschutzgebiet waren, und durch einen alten historischen Tempel, der mehr als 1300 Jahre alt war, glich eher einer von Deutschland aus gebuchten Reise. Sorry, aber das langweilt mich wirklich. Sicher interessieren mich auch historische Plätze, aber besonders macht eine Reise das Unerwartete, nicht wirklich Buchbare.

heiße Kartoffeln

Die Jade-Märkte von Tengchong waren aufgehübschte Einkaufspassagen, so dass nicht mal mein Elster-Gen angesprochen wurde, die heißen Quellen völlig überlaufen, nur das Youth Hostel vor Ort überraschte neben der Möglichkeit für 1,50 Dollar sich in das von Mama gekochte Personalessen einzukaufen mit der Art, wie man hier Kaffee kochte. Als Kaffeejünger schlug ich mich durch das Land der Teetrinker bisher relativ schmerzbefreit mit Instant-Kaffee. Den im Hostel angebotenen ordentlichen Kaffee musste ich also unbedingt verkosten.

Kaffeemaschine

 

 

Die Bedienung ließ allerdings die auf dem Tresen stehende Kaffeemaschine außer acht und baute eine Apparatur auf, die ich das letzte mal bei meiner Chemie-Prüfung im Abi gesehen hatte. Über einem Bunsenbrenner wurde in mehreren Glaskolben das gewünschte Getränk gebrüht… und … schmeckte fantastisch!

 

 

Dali, oder besser Disney-Dali hat ein touristisch aufgepepptes Zentrum aus restaurierten Holzhäusern voller Café´s und Souvenir-Shops. Meinen Geburtstag feierte ich einem von Australiern geführten Pub bei Reggae. Versöhnt wurde ich wenigstens teilweise, als ein Freund aus Jamaika Glückwünsche simste und von der Antwort völlig geflashed war. Ich hatte ihm geschrieben, dass ich bei Reggae irgend wo in den chinesischen Bergen feiere.

Dali    Schuhreparatur

Jedenfalls gedachte ich ab jetzt nicht mehr meinem Reiseführer zu huldigen. Statt dessen wollte ich einfach den Weg nach Süden in Richtung Puér und Jinghong nehmen und eventuell dort in einem Dörfchen in den Bergen die restliche Woche abhängen und das Dorfleben genießen. Tee hatte ich bisher auch nur im Vorbeigehen gesehen, also würde sich schon etwas finden.

Vollmond

 

 

Nach einer wunderbaren aber lauten Nacht in einem Traum von Hotel in Yianshu (ehemaliger Familiensitz reicher Händler), ging es los in Richtung Süden.

 

Hotel

 

Die nächtliche Busfahrt selbst war wenig spektakulär, mal abgesehen von den Snacks, die meine Sitznachbarn so auspackten und auch mir offerierten und dass es reinregnete …

 

 

 

Ankunft in Jinghong, der Hauptstadt des autonomen Bezirks Xishuangbanna am Ufer des Lancang Jiang (der ab Laos Mekong heißt). Die Stadt liegt inmitten von Bergen auf denen seit Jahrhunderten Tee kultiviert und angebaut wurde. Ich entschied daher, eine Trekking-Tour zu buchen. Vielleicht würde ich so ein paar schöne Fleckchen finden und dank des angeblich englisch sprechenden Guides mit Leuten ins Gespräch kommen.

Reisbauern

Es kam ganz anders.

Buchen konnte man Touren im Café Mei Mei, womit gleich ein weiterer Wunsch erhört wurde. Es gab wieder Kaffee! Während ich also meinen Koffeinpegel endlich mit Filterkaffee auf Normal-Level heben konnte, erläuterte mir die Bedienung, dass sie einen Guide für heute Abend anfordern würde. Gegen 19:00 Uhr platzte das Café bereits aus allen Nähten. Sämtliche Tische auf der Terrasse waren besetzt. Ich hätte mich daher in den Laden oder zu Jemandem auf der Terrasse setzen müssen. Allein im stickigen Café hocken ging gar nicht. Daher entschied ich, einen nett aussehenden Kanadier zu nötigen, an dessen Tisch noch Platz war. Er hatte nichts dagegen und ich machte mich neben ihm breit. Im ersten Smalltalk gab er mir zu verstehen, dass die geplante Trekkingtour nicht so spannend werden würde und eher wieder eine Touristenfalle sei. Er bot nach nur 10 Minuten Gespräch an, mir die Teeberge zu zeigen, wenn ich nach Menghai folgen wollte. Er hätte da in den nächsten Tagen geschäftlich zu tun.

Ich war ein wenig irritiert, ob des schnellen Angebots. Immerhin kannte er mich doch gar nicht.  Nachdem er mir erzählte, dass er seit ca. 10 Jahren in China lebt, die Sprache spricht und mit Tee handeln würde, überlegte ich nicht mehr lange. Ich wollte ihm einen Tag später folgen. Zur Kontaktaufnahme vor meinem Start hinterließ er seine Karte.

Am Bus nach Menghai zweifelte ich noch einmal kurz, wählte dann aber die Nummer. Mein neuer „Guide“ war nach wie vor erfreut und versprach, mich am Busbahnhof abzuholen, wenn ich ihm kurz eine sms schicke. Sicherheitshalber nur mit kleinem Gepäck bestückt – den Rest meiner Habe hatte ich in meinem Hotel in Jinghong gelassen, um notfalls schnell türmen zu können – machte ich mich auf den Weg. Nach ca. 50 Minuten Busfahrt waren wir auch schon da und ich wurde per PickUp eingesammelt und direkt in den ersten Teeshop verfrachtet. Und so begann meine Studienreise … ob ich das bei der Steuer einreichen kann?

Blätter

Ich bin Kaffeetrinker! Tee finde ich schlicht langweilig und von dauerhaft teetrinkende Menschen halte ich schön schubladenmäßig dasselbe. Bei mir zu Hause finden sich Obstsalate in Tüten, die mir als Tee verkauft wurden … Früchte-Tee mit Orange, Ananas und so weiter.

Die Frau des PickUp-Fahrers Dan betrieb den Shop in dem ich nun für die nächste Woche meine Anlaufstelle haben sollte, das Headquarter der Teehändler quasi.

Der Shop befand sich in einer Straße, in der sich Tee-Shop an Tee-Shop reihte. Das waren Läden in Garagengröße auf zwei Ebenen, wobei die untere der Verkaufs-, Präsentations- und Lagerraum gleichzeitig war und die obere Ebene Küche + „Bad“. Dan saß hinter einem massiven Holztisch – offenkundig geschnitzt aus einem der letzten Mammutbäume der angrenzenden Wälder. Auf dem Tisch befand sich eine Art Holztablett mit Unterboden, um Wasser und Teereste aufzufangen. Darauf lagerten winzige Schälchen, Kännchen und Siebe. Und schwubs wurde mir ein Fingerhut Tee kredenzt. Alles schaute erwartungsvoll, als ich den ersten Schluck echten grünen Tees in meinem Leben schlürfte. Was würde ich schmecken, was riechen in der ebenfalls zum Beschnüffeln dargebotenen Glaskaraffe, aus der der Tee eingegossen wurde??? Ich roch irgend wie gar nix und schmecken? …. man, ich bin Kaffeetrinker!!! Das einzige, was mich gütig stimmte, war ein Hauch von leichter Bitterkeit… Bitter ist ok. Aber Unterschiede? Fehlanzeige … Alles sah mich erwartungsvoll an und die Damen des Hauses taxierten mich. Für sie galt nur: Daumen nach oben = guter Kunde oder Teekenner; kleiner Finger = Loser … egal auf welchem Gebiet. Ich war nach der ersten Probe Alien. Dafür gab´s keine Finger, eventuell die kleinen im Doppelpack und zwar von allen gleichzeitig.

An diesem Tag bekam ich ca. 3 Liter Tee der verschiedensten Stärken und Sorten zu kosten … und so langsam merkte ich Unterschiede in der Art, wie sich die wirklich nur leichte Bitterkeit im Mund ausbreitete. Einige der Sorten merkte man nur im vorderen Bereich, andere eher im Rachen oder aber im gesamten Mund in unterschiedlicher Intension. Vielleicht war ich auch einfach nur stoned auf Tee. Geträumt habe ich jedenfalls in dieser Nacht, wie selten in meinem Leben. Ein wirrer Mix aus dem Erlebten. Die Teeladies meinten, dass sei normal, wenn man mit Tee beginnt (?!).

In der Zwischenzeit fanden sich Leute im Teeladen ein und gingen wieder … geblieben ist ein älterer Bartträger, den mein Guide als DEN Teehersteller vorstellte. Angeblich war er über die Grenzen bekannt, mit dem Status eines Künstlers. Er war angenehm ruhig, zurückhaltend, dann aber doch vorsichtig herzlich.

Habe ich schon erwähnt, dass ich sämtliche Klischees zu China über Bord kippen musste? Die Teehändler haben einen enormen Beitrag daran gehabt. Sie waren gar nicht laut. Die Menschen im Süden, die eher den Bergvölkern Burmas und Laos zuzuordnen waren, inklusive der Dai, sind sehr ruhig und zurückhaltend. Aber alle waren hilfsbereit, freundlich und dabei gekonnt unaufdringlich. Soweit jemand es tatsächlich übers Herz brachte, mich anzusprechen, schreckte er direkt zurück, wenn ich nicht, wie erwartet antwortete, nicht verstand oder einfach nicht wollte. Den nächsten Schritt musste ich machen. Erst dann verloren die Chinesen die Scheu.  (Übrigens ging es den Chinesen, die ich traf, ähnlich. Sie erwarteten bei Ausländern immer lärmende uninteressierte Menschen und freuten sich, wenn man zurückhaltend, aber dennoch an ihnen und ihrer Kultur interessiert war.)

Tee pressen

Mr. Teekünstler und Dan nahmen uns mit in eine kleine Fabrik am Rande der Stadt, in der Tee in die verschiedenen Verkaufsgrößen gepresst wurde. Die Blätter wurden dafür in einen Strumpf gefüllt und anschließend zu einem Diskus gepresst. Das Pressen erfolgte durch einen Typen, der zunächst den teegefüllten Strumpf unter einen Stein legte, sich darauf stellte und ein wenig hin und her wippte… Gerade, als ich diese mittelalterliche Methode belächeln wollte, erklärte man mir, dass es durchaus auch die maschinelle Art gäbe, man aber auf diese schwören würde. Der Tee würde auf diese Weise nicht zu fest gepresst, die Luft könnte noch zirkulieren und der Tee könnte altern. Angeblich wäre der Tee nach 5 Jahren mehr wert, als gerade… Entweder war ich schon wieder stoned, oder Tee hat so einen Kult wie Wein … Ob der Arbeiter seinen Job verliert, falls er zunimmt, wollte mir aber keiner beantworten.

Während mir wieder irgend ein grüner Tee in Fingerhüten eingeflößt wurde, besprach sich der Rest und bahnte neue Geschäfte an. Alle schwirrten um den Teehersteller, der es sich auf den Stufen vorm Shop bequem gemacht hatte…

Teebaum

Anschließend ging es in die Teeberge. Verabredet waren wir mit Ming Pei. Sie war Aka – einer dort lebenden Minderheit – und kam aus einem Dorf in den Bergen, die sie uns nun zeigen wollte.  Ein wenig Reiseproviant in Form von Obst und in Bananenblättern gewickelte Süßspeisen erstanden wir auf einem kleinen Markt am Straßenrand und erreichten Dank Mr. Teekünstler das Dorf von Ming Pei ohne anstrengenden Aufstieg und relativ fix mit seinem PickUp. Es lag malerisch über den Wolken inmitten von tropischem Regenwald, mit Mammutbäume, Bambus, Farnen und fast unauffällig dazwischen verstreuten Teebäumen. Ich hätte die Bäume ohne die Hinweise meiner neuen Freunde nie erkannt und war erstaunt, dass Tee in Baumform zu finden ist. Gesehen hatte ich bisher ausschließlich hüfthohe Buschreihen. Einige der Bäume waren dünn und zart, andere wieder derart knorrig, dass man bereits ein höheres Alter vermuten musste. Und richtig, die Bäume in diesen Bergen waren bis zu 400 Jahre alt! Sie befinden sich im Besitz der einzelnen in den Bergen lebenden Familien, wobei keiner ein bestimmtes Waldgebiet sein eigen nennt, sondern jeweils nur die einzelnen Teebäumchen. So zeigte Ming Pei uns drei nebeneinander stehende Bäume und erläuterte, dass diese zum Beispiel ihrer Familie gehören, der dazwischen aber schon wieder ihren Nachbarn und so weiter…

Wir folgten einem Weg, der früher nur Wirtschaftsweg der Einheimischen war, inzwischen aber auch von Guides und ihren Touristen entdeckt wird. So fanden sich am Wegesrand abgestützte und eingezäunte Teebäume, die so alt und verwachsen waren, dass sie einerseits kaum noch allein stehen, andererseits aber vor den Fotowütigen geschützt werden mussten. Endstation war eine winzige Holzhütte, in der eine ältere Aka mit Tee auf Wanderer wartete und unser Picknick verzauberte. Sie hatte die Marktlücke erkannt, denn in unmittelbarer Nähe befand sich der durch Stacheldraht geschützte älteste Teebaum – was aber einen erlebnishungrigen Chinesen nicht davon abhalten konnte, durch das Drahtgewirr zu klettern, um ein schönes Foto von sich IM Baum schießen zu lassen. Während meine Begleiter also eigentlich den Japanern zugesprochene Eigenschaften bezüglich der Fotowut trainierten, wurde mir wieder Tee in winzigen Schälchen eingeflößt und ich erlebte, wie mein Guide und Ming Pei die Möglichkeiten von höheren Gewinnen im Teehandel besprachen. Die Familien, denen die Bäume gehören, pflücken lediglich die Blätter und liefern diese zu einem sehr geringen Preis bei den Herstellern ab. Erst nach Bearbeitung wird je nach Qualität und Können des Herstellers ein Tee teuer. So kann er locker 145,00 Euro für 1 kg kosten. Der landet dann aber fast ausschließlich in Hongkong oder Singapur, weil nach weiteren Zwischenhändlern kein Europäer mehr bereit wäre, den Endpreis zu zahlen (mit Ausnahme einer durch das Erlebte versauten Deutschen…) auch wenn der Tee das ganz klar wert ist. Abgesehen davon, dass dieser Tee bereits qualitativ hochwertiger war als Blätter von Sträuchern, werden die Bäume in den Wäldern auch keinen Pestiziden ausgesetzt. Der Kram war also auch noch Bio.

alter Baum

Abendessen gab es in einem Restaurant am Fuße der Berge und dort trafen wir auf einen weiteren Star der Branche. Er wurde mir als DER Teehändler und Kenner vorgestellt. Angeblich konnte dieser Mann am Tee herausschmecken, von welchem Hang er kommt und nutzt seine Gabe, um Teesorten zu mischen und damit zu veredeln. Im Moment schien er aber eher die Reisweine zu sondieren …

Den nächsten Tag verbrachte ich damit, mein Gepäck aus Jinghong zu holen – ich hatte mein Plätzchen für die letzten Urlaubstage gefunden und an Flucht war nicht mehr zu denken – und mit der Besichtigung einer Pagode. Sie war laut Reiseführer für ihre filigranen und aufwendigen Dachbauten berühmt. Abends war ich allerdings schon wieder von den Händlerinnen verhaftet, die zunächst Bier mit uns trinken gingen, um uns dann noch ein Familienmitglied – ebenfalls Teeherstellerin – vorzustellen. Sie war bezaubernd konnte aber noch nicht aus dem Schatten ihres übermächtigen Vaters treten, denn alle waren sich einig, dass ihr Tee zwar auch sehr gut sei, aber lange noch nicht an den des Teekünstlers käme … Das Kreuz der Kinder von Stars!!!

So langsam gab es Termindruck. Am nächsten Morgen gingen wir in einem kleinen Straßenladen neben dem Hotel frühstücken, mussten aber Rede und Antwort stehen, wo wir denn blieben. Die Teeladies hatten einen Termin bei einem weiteren Star der Herstellergilde an der burmesischen Grenze bei Jing Mai vereinbart. Und selbstverständlich waren wir auch dort zum Essen eingeladen.

Essen

 

Achja, gefüttert wurden wir im Teeshop über die gesamte Zeit, die man dort verbrachte. Dan bekochte uns mit einer Vielfalt von einheimischen Köstlichkeiten, während ich die Leute beobachtete die herein schneiten, um die beiden Ausländer zu beobachten.

 

Jing Mai ist das älteste, größte zusammenhängende Teegebiet der Erde und steht daher unter Schutz. Die Anfänge der Kultivierung kann man hier bis zu 1.800 Jahre zurückverfolgen! 

Lese2                Lese

Entsprechend finden sich auch hier sehr alte Bäume. Für die Fahrt organisierte Dan mit einem kurzen Anruf ein Auto samt Fahrer und schon ging´s in Richtung Burma. Der Tee wächst dort auf Höhen zwischen 1.100 und 1.500 Metern und ich war erneut froh, dass wir die nicht erklettern mussten.

gesammelt

Nach weiteren Verkostungen, einem unglaublich leckeren Essen und ein paar Verdauungsspaziergängen in den Teebergen, sah ich mir selbst zu, wie ich 1 kg Tee kaufte (!). Sie hatten mich!

 

Ok, Kaffee brauche ich immer noch, aber inzwischen ordere ich Tee von den Ladies per Email, was immer spannend beim Auslösen im Hamburger Zoll ist. Aber wenn mich die Beamten dort entgeistert fragen: „Wieso bestellen Sie losen Tee aus China und kaufen ihn nicht hier?“, klinge ich schon wie diese Verrückten und höre nicht auf, den Geschmack und die Qualität meiner Sendung anzupreisen.

Teehändlerinnen

 

Somewhere over the rainbow – Update Kreta 10.14

„Somewhere over the rainbow,  way up high“

Berge

Ziegen

 

 

 

 

 

 

Am Horizont die Lefka Ori … die weißen Berge

mit Gipfeln bis über 2.400 Metern.

Durchbrochen nur von Schluchten, wie Samaria und Imbros fallen sie in der Sfakia ins Meer.

Wurzel

 

Imbros

„there´s a land that I heard of once in a lullaby“

Ich bin zurück auf Kreta.

Himmel

 

 

„somewhere over the rainbow, 

skies are blue“

Es ist Oktober und immer noch Sommer.

 

 

„and the dreams that you dare to dream 

                                           really do come true“

Ich fahre Touren durch bizarr schöne Gegenden …. aus Steinen, Meerzwiebeln und Oliven.

BlumenBlumen1

„someday I`ll wish upon a star,

and wake up where the clouds are far behind me“

Wolken

Die Wolken des Nordens habe ich hinter mir gelassen, … genieße den Spätsommer und die etwas kühleren Hochebenen. Ein Abschnitt des E4 bringt mich von 0 auf 980 Meter… in 26 Haarnadelkurven.

Fragokastello

 

just me

 

„where troubles melt like lemon drops,  away above the chimney tops

that´s where you´ll find me“

E4

 

 

Gefunden habe ich mal wieder verwunschene Plätzchen.

 

Kalikratis

 

 

 

„somewhere over the rainbow, blue birds fly

blue birds fly over the rainbow

why then oh why can´t I?“

 

Büsche

Janina´s Wildkräuter-Handel,

Janina

 

Janina1

 

und Alonia´s Restaurant.

Serpentinen

 

Alonia

 

„if happy little blue birds fly, beyond the rainbow, why oh why can´t I“, 

Alonia1

 

Chora Sfakion
Nachtrag:
1. Tour: Hora Sfakion – Frago Kastello – Kapsodassos (E4) – Kallikratis – Asfendos – Imbros –
             Hora Sfakion
             http://www.wildherbsofcrete.com/
2. Tour: Hora Sfakion – Anopoli – Agios Ioannis – Alonia – und zurück
             http://www.alonia.gr/en/article/home
3. Songtext: Over the Rainbow by Judy Garland

Anarchistische Hühner und singende Felsen

Anarchistische Hühner und singende Felsen 

gibt`s wohl in DER Kombination nur auf Kreta.

Ende Oktober und ich muss in die Sonne. Kreta! Da war ich schon Jahre nicht mehr!

Ankunft und Motorrad wie immer bei Thomas (motor club). Nach einer Stunde Sitzen, Kaffee und Raki am Hafen: „Wolltest du eigentlich auch was mieten?“ Und es wurde eine fast nagelneue Yamaha XT 660 R …, in die ich mich sofort verliebte. Ein paar gute Tipps für ruhige Plätzchen und schon ging´s raus aus Iraklion und rein in die grandiose Bergwelt Kretas.

 

Kaum hatte ich die letzten Häuser hinter und die ersten Serpentinen vor mir, war es da: Daheim! Irgend wie fühlte ich mich angekommen, irgend wie daheim. Nicht, dass ich hier geboren oder überhaupt Griechin wäre. Aber wieso zum Teufel war ich so lange nicht hier?

Auf dem ersten Plateau musste ich erst einmal anhalten und die raue, aber wahnsinnig intensive Atmosphäre in mich aufsaugen. Steine, schroffe Berge, ein paar Büsche und Wind, Wind mit einem Ton, einer Stimme, die ich nirgends anders so hörte und so fühlen konnte.

Ag. Pavlos

Ankunft in Agios Pavlos, sehr klein, sehr abgeschieden, ideal um runterzukommen. Aber nach zwei Tagen brauchte ich Menschen und konnte zugegebenermaßen den etwas seltsamen Chef des einzigen Hotels nicht mehr ertragen. Ein Tagesausflug ins Kloster Preveli hatte mein Karma wieder gerichtet, dass ich nicht gleich wieder mit schlechter Stimmung verwackeln wollte. Im Kloster gibt es eine Quelle, die von den Sünden befreien soll. Ich nahm vorsichtshalber zwei Schluck!

Preveli      Preveli1Preveli2

Brunnen Preveli

 

 

 

 

 

 

 

Also auf nach Lendas. Schöne Serpentinen auf gewohnt arschglattem Asphalt – was auch immer Touris bewegt, hier ne Shopper mit ner scheiß Straßenlage in Shorts zu fahren, wird auf ewig ein Mysterium für mich bleiben….

Werden Selbstverstümmeler nicht eigentlich weggeschlossen??

Navi nach Lendas     Richtg. Lendas

Begrüßt wurde ich in Lendas auch wie immer. Ein Überfall der Zimmer vermietenden Gilde. Ich zog zu Maria. Und verlängerte, verlängerte und verlängerte. Maria gab irgend wann auf und erklärte: „stay as long as you want“. Das war eine Überlegung wert …

Lendas ist ein süßes Örtchen am Ende der Welt. Naja, etwas übertrieben, aber Ende Europas wäre nicht soooo falsch.

Lendas1                    Elefant Lendas

Hier gab es das erste Asklepios-Klinikum außerhalb des griechischen Festlandes. Wellness und Entspannung für die gestressten alten Griechen. Ein Spatenstich und man ruiniert das Werkzeug an historischen Mauern. Das rettet den Ort vor dem zerstörerischen Monster namens: Gier. Keine Hotelketten, keine maßlose Ausbreitung von Unterkünften… Himmlisch. Der gemeine Tourist in Lendas ist dann auch Wiederholungstäter. Die Einheimischen berichteten von Urlaubern, die bereits in dritter Generation anrückten. Krass.

Aber ich war auf dem besten Weg dahin. Meine sonst üblichen „Jumps“ – nie länger als drei Tage an einem Ort – brauchte ich hier nicht. Mein Entdecker- und Nomaden-Gen wurde durch Tagestouren befriedigt.

Karte

 

So gab es folgende Reiseempfehlung eines Griechen samt selbst gemalter Route:

 

„Über dem Hafen unbedingt absteigen und durch die Schlucht wandern.“

Etwas missmutig kraxelte ich hinunter. Immerhin wollte ich fahren und nicht wandern. Aber dann öffnete sich die Schlucht zum Meer.

Trahula      Hippies

Trahula2

 

Ein wahnsinns Strand und eine ausgestorben geglaubte Spezies: Hippies, die in Höhlen leben.

Trahula3

„Vor der Kirche da wo die Glocke hängt gibt es einer Spalt zwischen den Steinen. Lauf mal bitte durch“

Wegweiser Kapelle

Ok, schon wieder absteigen, zur Kappelle und dann folgte ich einer Ziege, zwängte mich unter der Glocke durch den Spalt und … mal wieder ein wahnsinns Blick auf die Küste um Lendas.

KapelleDen Abzweig nach Tripiti verpasste ich erst, kehrte aber Gott sei Dank um. Wollte ich doch der mühevoll gezeichneten Karte und den Ratschlägen folgen. Und schon fand sich ein weiterer fantastischer Strand.

Tripiti Während die Ziege und ich die Aussicht genossen, trudelte die nächste Reiseanweisung per sms ein:

„Wenn du von Tripiti Strand zu Tripiti Schlucht fährst ziemlich am Anfang auf die linke Seite an den Felsen gibt es eine kleine Taverne. Er heißt Hiraklis. Gute Spiegeleier von seinen anarchistischen Hühnern ist der Tipp.“

Hiraklis servierte Kartoffeln und Gemüse als Vorspeise und fantastische Spiegeleier, die wie immer hier mit Olivenöl übergossen waren. Während ich überlegte, ob ich nach der Vorspeise schon kapitulierte, philosophierte er, dass keiner eingesperrt sein sollte und schon gar nicht seine Hühner. Keine Ahnung wie er die Eier findet, wenn das Federvieh durch die Berge marodiert.

Iraklis

„So kriegst du vielleicht die Energie um laut zu rufen vor dem … Echo-Felsen.“

Schlucht

 

 

Energie hatte ich jetzt, also weiter durch eine pittoreske Schlucht aus einer anderen Welt und in Richtung Felsen.

 

 

 

 

„Die musikalischste Ecke ist da wo die Straße am meisten nah zu dem Fels ist.“

Neben der wirklich wunderbaren Umschreibung der Stelle, war ich baff von dem grandiosen Echo. Allerdings rief ich erst in den Fels, nachdem ich sicher war, dass ich keine Zuhörer hatte. Ein bisschen blöd kommt sich dabei schon vor.

Piste     Echo

„Die Wasserquelle von Krotos ist an der asphaltierten Straße.“

Ich pfiff auf die Quelle und beendete meine Tour lieber bei Panagiotis mit einem Frappé. Mich hatte schon auf der Hinfahrt irritiert, dass mich Che in den kretischen Bergen anstarrte. Panagiotis ist Mosaik-Künstler. Man kann ihm bei der Arbeit zusehen, während er Landschaften oder Portraits aus winzigen Kieseln bastelt.

Panagiotis1   Panagiotis

Eine spontane Jam-Session von einheimischen Künstlern bei Babis rundete den Urlaub endgültig ab.

Babis

Adio bis zum nächsten Mal geliebtes Kreta.

Nachtrag:

1. Die Texte aus der Reiseroute sind original mit allen Fehlern übernommen worden, weil sie so wunderhübsch blumig sind. Davon abgesehen, kann ich nicht mal im Ansatz so gut griechisch, wie der Verfasser deutsch.

2. Wer sich ein Fahrzeug im Motor Club in Heraklion mieten möchte, bitte direkt anrufen. Ihr werdet am Flughafen sofort kostenlos abgeholt. Service gibt es in deutsch und englisch. Fährt man mit dem Taxi vor, wird die Miete teurer, weil der Taxischurke später wieder kommt und Provi will, auch wenn man ihn angewiesen hat, dorthin zu fahren. (Motor Club, Central Reservation Office, 18 Anglon Square 1, Heraklion 71202, Tel.: 0030 2810 2224 08, Fax: 0030 2810 2228 62, info@motorclub.gr)

3. https://www.facebook.com/panagiotis.lambrakis.3

Daheim bei Außerirdischen

 

 

Abende

Der Wiedereintritt in die Erdatmosphäre gestaltete sich entspannter, als ich erwartet hatte. Kaum Traffic und wenn ich mal einen der anderen Reisenden nicht umschiffen konnte, dann bummelte ich einfach hinterher…. Was mich sonst schon mal zu leichten Aggressionen bringen kann, ließ mich heute absolut kalt.

Ein verlängertes Wochenende auf diesem kleinen Planeten und ich war tiefenentspannt.

Jedes Jahr trifft sich ein relativ große Gemeinde weit ab in den Tiefen des Alls und huldigt den alten und neuen Göttern.

Screen1

Screen

Das klingt archaisch und ist es auch. Die Besucher organisieren sich in kleinen Verbänden und zelebrieren auch während der gemeinsamen Woche ihre ganz eigenen Bräuche. Sie bauen Behausungen – ähnlich ihrer Heimat -, teils wehrhaft mit Ausguck, teils hochtechnisiert, teilweise wie aus einem Mad Max Film entsprungen … je nach technischem Standard. Entsprechend gehen einige davon am Ende der Woche auch in Flammen auf – selbstverständlich kontrolliert. Der Warmabriss ist gewollt und geduldet.

Zeltplatz

 

Zelt

LKW1  Pfahlsitzer

Wächter1

Wächter

 

 

 

 

 

 

 

 

Trotz der Vielfalt haben die Gäste aber auch Gemeinsamkeiten. Eine ist die schwarze Kleidung oder zumindest ein schwarzes Kleidungsstück, vorzugsweise mit Aufdrucken von anderen Pilgerorten. Das verlangen ihre Götter.

Tänzchen1

Die limitierten Einreise-Visa sind heiß begehrt und trotz der Begrenzung bricht die kleine Gemeinde weit außerhalb unseres Sonnensystems eine Woche im Jahr fast aus den Nähten.

Bühne 2  Bühne1

Die dort ansässige Spezies bot Anfangs einigen Wenigen Zuflucht. Doch die Toleranz der Einheimischen gegenüber den teils ihnen nicht unähnlichen Flüchtlingen aus den unterschiedlichsten Galaxien sprach sich rum. Und so überrannten 1996 ca. 10.000 teilweise humanoide Kreaturen die Welt der bis dahin beschaulich dahin vegetierenden Bewohner. Heute sind es bis zu 100.000 … und die einheimische Bevölkerung beherbergt, transportiert, beköstigt und füllte ab.

Transport

 

 

Bar

Schild

Wein Weib und Gesang sind hier Bier Weib und Bass. Und der in einer Intensität, dass der Tinitus aus der letzten Yogasitzung mit Klangschalen einfach weggeblasen wird.

Wikinger  Tiere Schotten  Viki1  Truppe  Party1

Irgend wann jedenfalls erschien der kleine abgelegene Ort auch auf meinem Radar. Ich war zwar bereits öfter in dieser Ecke des Weltraums unterwegs, doch ist gerade diese Gegend nicht so aufregend, dass man die Geschwindigkeit drosseln und in eine Umlaufbahn gleiten würde. Doch dann erschien mir eines Tages einer der Urväter. Er wandelt zwischen den Welten und berichtete von diesem heiligen Platz derart schillernd, dass ich neugierig der Einladung folgte. Nun schon das 5. Jahr! Abgesehen von den dort gefeierten Göttern – ich gestehe, einige davon sind auch meine – faszinierte mich die relaxte Stimmung zwischen den verschiedensten Kulturen. Die verbliebenen beiden Urväter – es waren mal 4 – schienen diesen Zoo mit Diplomatie und einer Leichtigkeit zu lenken, die anbetungswürdig sind. Der Blick hinter die Kulissen machte mich endgültig zum Fan und so langsam merke ich auch an mir Veränderungen … Die Mutation beginnt sehr verhalten mit neuem Totenkopf-Schmuck, Überlegungen zu weiteren Tattoos und seltsam vielen schwarzen Klamotten in meinem Schrank… Auch die fast hysterische Freude, Gleichgesinnte beim Anflug zu treffen, ist ein sicheres Zeichen für die schleichende Ausbreitung des Virus. Gleichgesinnte erkennt man übrigens durch die aus Pflastern oder Klebestreifen selbst aufgebrachten Glyphen… verständlich nur für Eingeweihte.

WOA

Und nun ist es schon wieder vorbei. Wiedereintritt in 3 … 2 … 1    Landung in Hamburg … Bis zum nächsten Mal in Wacken.

 

Myanmar: Das Land der Disko-Buddhas und Disko-Mönche

 Myanmar

1. Yangon

Ich verlasse das Land der Disko-Buddhas und Disko-Mönche. Nicht ohne Wehmut.

Im Nacht-Bus nach Muse laufen die ganze Nacht kitschige Schmonzetten auf dem Screen und draußen ziehen die letzten bunt illuminierten Pagoden vorbei. Viel Zeit alles Revue passieren zu lassen. 3 Wochen Myanmar haben mich runtergeholt. Ich weiß wieder, was ich alles nicht an Luxus brauche, um glücklich zu sein.

In Yangon waren es noch 40 US Dollar für ein Zimmer mit Aircon, die ich eh nie nutze und Restaurants in denen auch Westler verkehrten. Später zahlte ich diesen Preis nur noch, wenn ich keine Wahl hatte und Touristen aus der westlichen Hemisphäre begegneten mir nur noch „aus Versehen“.

Mit DER Pagode in Yangon, der Schwedagon, hatte einmal alles angefangen.

Schwedagon

 

Sie war das Objekt meiner Begierde seit ich 10 war. Aber erst 2001 stand ich das erste Mal auf dem vor goldenen Türmchen, mit Blattgold und Edelsteinen über und über glitzernden Hügel. Abgesehen von meiner Affinität für Glitzer ist die Stupa der wichtigste Sakralbau des Landes und angeblich bis zu 2.500 Jahre alt. Der Hügel lebt und die Burmesen mit, auf und um ihn herum.

Schwedagon3

 

 

In den vier riesigen Aufgängen herrscht Marktfeeling.

Aufgang

Aufgang1

 

 

 

 

 

 

Oben wird gebetet, fotografiert oder einfach nur ein Picknick veranstaltet. Einen Umlauf tiefer findet man Mönche und kleine Garküchen. Heiliger Ort, Platz zum Rasten und Touristenattraktion gleichzeitig. Man verbringt den gesamten Tag dort.

 

Selbstverständlich habe ich der „dicken Dame“ nun wieder einen Besuch abgestattet. Veränderungen? Kaum. Mehr Einheimische. Das war neu, denn die Burmesen können inzwischen einfacher reisen. Die gesamte Verwandtschaft legt zusammen, dass eine Auswahl von ihnen die heiligen Attraktionen abreisen kann.

Schwedagon2   Schwedagon4

Aber neu waren auch die vielen LED’s. Der Buddha in der Hauptstupa kann sich inzwischen eines bunten Strahlenkranzes um den Kopf rühmen. Die Lichter laufen mit wechselnden Farben vom Kopf weg. Nicht unbegründet heißt er bei den Travellern daher „der Disko-Buddha“.

2. Bagan

Nach diesem obligatorischen Besuch ging es im Sleeper-Waggon mit dem Zug nach Bagan. Ein 24-stündiger wilder Ritt auf einem tollwütigen Gaul. Wenn irgend jemand ab jetzt amerikanische Action-Filme für übertrieben hält, nur weil sich der Hauptprotagonist aus Waggons rettet, die sich in wilder Karambolage ineinander schieben und nur ein Schlitz für die waghalsige Flucht bleibt, dann werde ich müde lächeln. Das Freunde, ist der Weg zum Kloh im Zug nach Bagan. Ein Waggon rumpelt und neigt sich rechts, der andere nach links. Dann der Sprung über den offenen Spalt zwischen den Waggons … Bremsen mit schmerzhaftem Aufschlag am Türpfosten, der nun gemeiner Weise wieder in die andere Richtung bockte. Schon mal die Hose breitbeinig, nach Gleichgewicht ringend in einem hopsenden Zug wieder hoch gezogen? Es blieb nur eins: Augen zu durch. Was in diesem Falle eine Bierparty mit den Bordpolizisten und dem Speisewagenpersonal nach deren Feierabend bedeutete. Die Herren haben so schön für mich gesungen und getanzt :-)

Bagan1

 

Etwas durchgerockt landete ich in Bagan – der Hauptattraktion Myanmars, soweit man den Reiseführern glaubt. Der Boden unter mir schwankte noch den halben Tag weiter. Auch Bagan ist inzwischen neben den vielen Ausländern voll von einheimischen Touristen, die gleich mal das westliche Alien alle einzeln mit sich und irgend einer Pagode aufs Foto bannen wollten.

 

Fotosession

 

 

Zwischen meinen Fotoaudienzen lief ich querfeldein und ließ die Stimmung ohne Touri-Auflauf auf mich wirken.

 

Bagan ist schon der Wahnsinn! Wohin man sich auch dreht, kleine, große, alte, neue Pagoden. Mal gold, mal rötlich braun vom Ziegel.

Pagode1  Pagode

Im Buddismus spenden die Menschen in der Hoffnung auf ein besseres nächstes Leben. Sowie man etwas hat, gibt man davon ab.

Wand  Schwezigon

Goldblättchen

 

Die Ärmsten spenden Blumen, die etwas besser Verdienenden reiben dutzende Goldplättchen auf den dicke Bauch Buddhas, spenden Blumen und Früchte und die gut Situierten bauen irgend wo zwischen die anderen ihre eigene Stupa und wenn es dafür noch nicht reicht, wird eben eine zerfallene restauriert.

Kinder1     Kinder2

Klar geschieht das nach momentanem NATIONALEN technischen Stand und entsprechendem Zeitgeschmack. Dass das den Archäologen und allem möglichen anderen Volk aufstößt, kann ich noch nachvollziehen, aber dass die Burmesen diese Jahrhunderte gelebte Tradition aufgeben sollen, nur weil so ein paar Ausländer mosern und nicht ihren eigenen Disney-Park errichten können, ist absolut borniert.

Kein Mensch in Hamburg regt sich auf, wenn uralte wunderschöne Villen weggerissen werden und statt dessen herzlose und kaum zu unterscheidende Bunker hingesetzt werden. Das ist eben unser Zeitgeschmack – wenn auch nicht meiner. Der viel gepriesene Leinpfad ist schon lange nicht mehr das, was er mal war und von den Sophienterassen will ich gar nicht reden.

Ich mag den Mix aus historisch und mitten im Leben, mit all den Veränderungen in Bagan.

Bagan2

Ich hatte drei Tage dort – eher unfreiwillig. Das Slowboat nach Mandalay geht nur zweimal die Woche. Also vertrieb ich mir die Tage in Gesellschaft von Pio Pio. Aufgegriffen hatte ER mich an der Schwe Leik Too. Das ist „seine“ Pagode. Dort sitzt er und verkauft in seinen Schulferien Gemälde, um sich das Schulgeld zu erarbeiten. Er zeigte mir die schönsten Flussufer und versteckte Höhlen mit Heiligtümern. Selbstverständlich hatte ich meinem kleinen Guide seinen Aufwand mit einer freiwilligen aber angemessenen Spende vergolten.

PioPio

 

3. Mandalay

Und dann kam die nächste Stufe der Entsagungen. 04:30 Uhr Abfahrt mit dem Slowboat! An Bord Einheimische, sowie Barth und Magda, zwei nette Leidensgenossen. Man nimmt sich von den vorhandenen Plastikstühlen so viel man braucht und macht sich´s auf dem Deck bequem. Allerdings nutzte keiner der Burmesen einen der Stühle. Sie bevorzugten, auf dem Boden zu hocken oder zu sitzen.

Einstieg

 

Abfahrt1

 

 

 

 

 

Das Boot hatte glücklicherweise ein Dach und am Heck unseres „Oberdecks“ eine kleine Küche.

Küche

Für Verpflegung war gesorgt, wenn auch das Bewegen dorthin Schwerstarbeit war. Mir schmolz die Kopfhaut und ich irgend wie auch. 41 Grad im Schatten und eine gefühlte Luftfeuchtigkeit von 150 % waren selbst für mich fast zu viel. Der Dress-Code in Burma (Schultern und Knie sollten bedeckt sein) machte aus dem Schwitzen eine Selbstdisziplin- und Meditationsübung. Wir bestanden die Prüfung alle drei. Heißt, wir widerstanden dem Zwang, nur im Top, kurzer Hose oder gar Bikinioberteil weiter zu schwitzen. Wenn uns das nicht einen Schritt weiter zur Erleuchtung gebracht hat, weiß ich es auch nicht.

Stop

 

 

Die Einheimischen kamen und gingen immer für Teilpassagen, bunt, freundlich und neugierig.

 

 

beladen3     Verpflegung1

Mit ihnen kamen Händler mit allerlei Essbarem (?) an Bord.

beladen1  beladen2

Wir sahen Fischer, Goldschürfer und viele Teakholz-Frachter.

Gold1

 

AbendDennoch war nach 36 Stunden Schwitzen, Waschen mit Seewasser – die Toiletten lasse ich aus Selbstschutz unerwähnt – und Schlafen auf einem dreckigen Deck mit allerlei Getier Schluss. Alle wollten nur noch runter vom Boot. Die Einfahrt nach Mandalay mit dem Blick auf das imposante Sagaing mit seinen mehr als 600 Stupas und Klöstern konnte ich kaum angemessen würdigen.

Mandalay wird langsam dem Verkehr nicht mehr Herr. Entsprechend laut und staubig ist die Stadt. Sehenswert ist sie allemal. Schon allein wegen der vielen Religionen und Nationalitäten. Entsprechend unterschiedlich ist die Küche: nepalesisch, bama (burmesisch), chinesisch, thai und indisch. Auch geben die vielen Sehenswürdigkeiten, die in Halbtagestrips erreichbar sind, viel Raum für Unternehmungen. Aber Achtung, Sehenswürdigkeit = Touri-Alarm = Preisfalle. Außer bei der U-Bein-Brücke kann man dem Zoo entgehen, wenn man auf das beste Fotolicht verzichtet und asynchron zu den Horden reist.

UBein

Ich war aber aus einem anderen Grund hier. Mein Begehr und der Grundgedanke dieser Reise kreiste allein um das Zauberwort „Mogok“. Wer diesen Namen kennt, hat beruflich mit Gesteinen oder Bodenschätzen zu tun, oder tickt wie ich. In und um Mogok werden die teuersten Rubine gefunden, neben Saphieren, Spinellen, Peridot, riesigen Stücken Bernstein und und und! Das Elster-Gen in mir schnappte irgend wann die Info auf, man könne inzwischen vielleicht mit einer Sondergenehmigung hin. Bisher war die Gegend für Touristen tabu. Selbstverständlich war von Deutschland aus nicht raus zu kriegen, wo man die Genehmigung beantragt, wer das kann und ob es überhaupt gerade möglich ist. Daher wollte ich vor Ort Tuchfühlung aufnehmen. In Yangon offerierte mir ein Reisebüro 3 Tage, also einer An-, einer Abreise und einem Tag vor Ort mit Minenbesuchen für 900,00 US Dollar. Der Preis war natürlich indiskutabel, aber die Info dahinter war der Glücksfall. Es war möglich!! Daher rückte ich so weit wie möglich heran – eben Mandalay – und nervte die Leute. Durch einen glücklichen „Zufall“ arbeitete das staatliche Tourist-Office nie, so dass mein Mofa-Fahrer mich verzweifelt im Nachbarladen ablud – der Agentur „Zone Express Tours“. Die Herrschaften konnten Englisch und bedeuteten mir, dass die Genehmigung kein Problem sei. Ebenso wie die für den Grenzübertritt auf dem Landweg nach China. Allerdings würde man 7 Tage benötigen und ich müsste mit einem Guide reisen. Da die Preise akzeptabel waren, gab ich das „Go“.

4. Myitkyina/Indawyi-Lake

Was mit den 7 Tagen anfangen? Ich studierte die Landkarte. Inli-Lake ist schön, wenn man ein Boot ohne Motor chartert. Denn nur dann kann man die wunderbare Atmosphäre in den Stelzendörfern und schwimmenden Gärten im See genießen. Aber da war ich ja schon. Die Karte zeigte weiter im Norden den größten See Burmas, den Indawyi-Lake. Also reiste ich mal wieder im Sleeper-Abteil nach Norden.

Zug

Meine erste Station: Myitkyina. Die Stadt ist nicht mehr ganz so heiß und im Gegensatz zu Mandalay recht verschlafen.

Haus                 Markt

Es gibt schöne Märkte und ruhige Plätzchen zum chillen am Ufer des Irrawadi. Abends im YMCA-Hostel gab es ein paar interessante Gespräche mit Hintergrundinfo’s, nur ab und zu von Telefonaten unterbrochen. Offensichtlich interessierte sich jeder Mitarbeiter des Immigration-Office für die Ausländerin. Woher kam sie, womit ist sie angereist, wie lange will sie bleiben? Etwas strange, da ich bereits bei der Ankunft am Bahnhof Rede und Antwort stand und der Officer alles brav notierte. Allerdings wenn man mal technische und menschliche Aspekte einbezieht, wird es verständlicher. Burma ist nach wie vor nicht wirklich vernetzt. Heißt, Daten von Ausländern werden in Bücher geschrieben und können daher nicht einfach nur in der nächsten Stadt mittels Auslesen der im Pass hinterlegten Daten abgeglichen werden. Dann muss ja auch jeder Mitarbeiter des Immigration Office seine Daseinsberechtigung klar machen und der wichtigste Aspekt: Neugier! Da wird mal schnell die Funktion genutzt, um ein paar mehr Info’s von dem fremden Wesen zu erhalten oder einfach nur mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Moped

Die einfachen Burmesen wollten ja auch ständig Fotos von und mit mir. Außerdem benehmen wir uns ähnlich. Als ich mit einer Freundin 1991 mit einer MZ – dem Standardmotorrad in Ostdeutschland – durch Göttingen fuhr, mussten wir auch ständig Verkehrskontrollen über uns ergehen lassen. Aber tatsächlich waren die Cops nur an der Maschine interessiert und als kleines Schmankerl konnten sie amüsiert zusehen, wie junge Mädel das Gerät jedes mal wieder antreten mussten. Etwas lächerlich finde ich es daher, wenn die Traveler in Burma verschwörerisch von weiteren Kontrollen reden und sich wie kleine Rebellen fühlen, nur weil sie mal einer Kontrolle entgingen. Mich persönlich nervt mehr, dass ich für die Einreise in die USA Fingerabdrücke abgeben muss, der US-Bürger aber nicht, wenn er nach Europa will. Und schlimmer noch, man muss sich fotografieren lassen, wenn man auf’s Empire State Building will.

Loton1Am nächsten Tag ging es mit dem Zug in der Upper-Class zurück nach Hopin. Ab dort gingen Fahrzeuge nach Loton – dem Ort mit dem einzigsten Gästehaus für Ausländer am Indawyi-Lake. Die 3-stündige Fahrt war kurzweilig. Meine Mitreisenden – die gesamten Frauen eines Familien-Clans – kümmerten sich rührend um mich. Sie wollten ebenfalls an den See, und zwar zu der im See liegenden Pagode. Sie hetzten mich kurz vor Hopin auch bezüglich des bevorstehenden Ausstiegs. Der Zug hält nur 3 Minuten und bevor man richtig raus ist, quetschen sich Massen bereits wieder durch Fenster und Türen in den Zug, der ohne Rücksicht auf Verluste wieder anfährt.

 

Loton

Nachdem ich da irgend wie rausgekommen bin, schnappte ich mir das „Taxi“ nach Loton. Ein hochbeiniger PickUp, mit Sitzen über der Ladung. Die Straße – äh Piste war eine Zumutung. Neben den Schlaglöchern und dem Staub waren auch noch matschige Furten durch Flüsschen zu meistern. Gegen den Dreck und Staub hatte ich mir ein Tuch vors Gesicht gebunden, dass ich bei der Holpertour aber nicht abschmierte, war reiner Zufall. Völlig lediert wurde ich unmittelbar vor dem Gästehaus abgeladen und herzlich vom Manager in Empfang genommen. Das Gästehaus liegt direkt am See und wartet mit wunderbarer Sicht auf. Die Zimmer sind seeehhhr einfach, haben aber Moskitonetze und das Gemeinschaftsbad ist eine Holzhütte mit Kloh und dickem Bottich zum Waschen. Achja, es gibt nur für ca. 2 Stunden Abends Strom. Telefon oder Internet Fehlanzeige. Ich war der einzige Gast dort und fühlte mich ein wenig back to nature.

PagodeIch wollte 3 Nächte bleiben, konnte mich aber von diesem kleinen Paradies nicht losreißen und verlängerte um eine Nacht. Zuerst buchte ich eine Tour per Boot um den ganzen See, mit Stopps an allen Sehenswürdigkeiten, wie der Shwe Myitzu Pagode mitten im See, oder dem vollständig aus Rattan geflochtenen schwarzen Buddha.

 

Buddha

Der Manager des Hauses begleitete mich, was zu einer Luncheinladung im Haus seiner Schwiegermutter am anderen Ende des Sees und einer Besichtigung des Dorfes führte. Die Tour war großartig, vor allem auch, weil der Bootsführer ein Auge für allerlei Getier hatte. Der See ist ein Vogelparadies.

Pelikan

 

Möwen     lake

Fang

Fischer3   Fischer4

Die nächsten Tage paddelte ich dann allein über den See. Kein Mensch weiß, wie sie es fertig brachten, aber im Nachbarhaus stehen 2 absolut intakte Kajaks zum Verleih. Ein bißchen Ahnung sollte man vom Fahren haben, da die Vermieter mit der Ruderführung nicht ganz so vertraut sind. Allein mit dem Kajak auf dem See war eines meiner absoluten Highlights.

Kajak

Mönche

 

5. Mogok

Rückfahrt mit dem PickUp-Taxi nach Hopin… Ich schwächelte ob der noch nicht ganz verheilten Blessuren der Hinfahrt und buchte den Beifahrersitz… Und dann ritt ich davon in Richtung Mandalay; dieses mal ohne Sattel, also Ordinary Class im Zug.

Zug 1

 

Ich war auf Butterfahrt! An Bord wurde wirklich alles verkauft. Im Sekundentakt passierten Händler und boten wunderliche Medizin, in Bambus gepressten Reis, zum Himmel stinkenden Fisch, Avocado und bei Bedarf wohl auch die eigene Großmutter. Wir lehnten ab, denn wir hatten bereits eine. Sie schlief seelig unter meinem Sitz… Allerdings verhinderte nur die Sprachbarriere, dass ich eine Heizdecke bestellte.

 

Verpflegung3   Verpflegung

Abgesehen von den übereinander liegenden Menschen, komischen Käfern, die unbedingt in meine Haare und alle Öffnungen der Klamotten krabbeln wollten, war der Geruch im Zug zuletzt unerträglich. Ich ritt nicht auf einem Gaul sondern auf einem Kloh … Geschüttelt UND irgend wie gerührt strandete ich nach 16 Stunden in Mandalay… Mein einziger Gedanke: „Jetzt gehe ich irgend wo meine Klamotten verbrennen.“

Anruf bei Zone Express Tours. Meine Genehmigung war noch nicht da. Ich sollte es am nächsten Tag wieder versuchen. So langsam wurde es eng mit meiner Zeit. Ablenkung in Mingun und Sagaing.

Mingun

Mein gebuchter Motorradguide hatte sich extra für mich herausgeputzt. Schwarze Leinenhose, weißes Hemd, schwarze Weste, glänzende Schuhe und abgefahrene Handschuhe mit Protektoren auf dem Handrücken. Irgend wie niedlich.

welcome

Am nächsten Morgen „Zone Express“. Und siehe da, man hatte sich zumindest um eine Faxkopie der Genehmigung gekümmert, das Original sollte uns – den notwenig zu buchenden Guide und mich – auf der Strecke treffen. Heißt, irgend ein Bus brachte das Dokument mit und wir übernahmen an einer Haltestelle irgend wo im nirgendwo.

Mr. Sai Sein Win kam aus Mogok, konnte prima englisch und war ein Glücksgriff. Er organisierte preiswerte Bus- und Taxifahrten und wusste selbstverständlich ein Menge über Land und Leute zu berichten.

Mogok

Das preiswerteste Hotel in Mogok kostete für Ausländer allerdings 40 US Dollar und war nicht nur deshalb eine Frechheit. Die Eingangshalle des „Mogok Hotels“ war riesig, hübsch poliert und glänzend. Aber kaum war man um die Ecke, fand man sich in abrissreifen Gängen, passierte desolate Zimmer, die halben Baustellen glichen und wandelte auf gammelnden Teppichen. Der Flur war dann auch noch mit Plastikmüll übersät und erwartungsgemäß war das Zimmer auch keine Augenweide. Es fanden sich überall weiße Bonbons auf dem Boden verteilt, und Waschbecken sowie Dusche drohten bei Berührung abzubrechen. Hätte hier jemand 5 US Dollar verlangt, hätte ich keinen Mucks von mir geben, aber so war das nicht auszuhalten. Der Hinweise von Mr. Sai an den Manager brachte den Erfolg, dass irgend wer in meiner Abwesenheit die weißen Bonbons durchgemischt hatte. Sie lagen jetzt wo anders. Gott sei Dank werden in der Stadt und im Umland gerade neue Hotels gebaut und es gibt das wunderschöne Golden Butterfly, was allerdings 7 km von der Stadt entfernt in den Bergen liegt, dafür aber mit einem fantastischen Blick aufwartet. Bis die anderen so weit sind, würde ich von der Bruchbude mit Seeblick im Zentrum allerdings die Finger lassen und die 20 Dollar mehr im Butterfly in Kauf nehmen.

Abbau

Mogok… Nach einer ersten Orientierungsfahrt mit Guide und Mofa wurde eines klar. Es war schlimmer, als ich mir in meinen kühnsten Träumen vorgestellt habe. Steine, überall Steine.

Fund

Im letzten Rinnsal sieben Kinder noch Spinelle aus dem Schlamm.

Kinder

Die Gegend ist überzogen von Minen, Tagebauen und riesigen Siebmaschinen. Der Abraum aus den großen Minen wird per LKW auf den Hof von Familien gekippt, die ihn für 10.000 Kyat (8 bis 9 US Dollar) gekauft hatten, um dann alle Steine mit Hämmerchen zu zerklopfen. Die Mühe lohnt sich, denn auch hier finden sich Rubinsplitter zur Genüge. Gott sei Dank hat mir niemand ein Sieb in die Hand gedrückt. Ich wäre wohl geblieben.

Mine  Schürfen

 

 

 

 

 

Abraum

 

Überall in der Stadt gibt es Märkte, auf denen zu verschiedenen Uhrzeiten die wertvollen Funde gehandelt werden. Man kann fast rund um die Uhr kaufen. Auf dem Größten sitzt man an Sonnenschirm-überdachten Tischchen, genießt einen Schwatz mit Freunden, während alle 2 Sekunden jemand mit den wunderschönsten Steinen, geschliffen oder ungeschliffen, vorbeischaut. Zwischendurch wird mal einer genauer unter die Lupe genommen. Dafür haben die Herren hier alle eine spezielle Taschenlampe mit gebündeltem Lichtstrahl dabei und dann widmet man sich wieder einem Kaffee oder Tee.

Stein  Stein1

 

 

 

 

 

Ich hatte mein Paradies gefunden!

Steine

 

Aber ach, ich musste weiter. Mein Rückflug ging von China und bis nach Kunming war es noch ein weiter Weg…

 

 

Wir verließen Mogok sehr früh am Morgen, jedoch nicht, ohne dass ich mir einen winzigen Stein extra hab schleifen lassen :-)

6. Ausreise

Zwischenstopp für 5 Stunden in Pyin Oo Lyin. Die Stadt ist seit meiner letzten Reise so gewachsen, dass ich sie gar nicht wiedererkannt hätte. Als verschlafenes Örtchen geistert sie durch meine Erinnerung und nun kommt man kaum noch über die Hauptstraße auf die andere Seite. Dennoch gibt es ruhige Eckchen, hübsche Restaurants am See, riesige Parkanlagen und singende Mönche, die auf ihrem mit Popmusik beschallten PickUp vorbei johlen.

Kutsche   Echse

Es wird hell und wir sind in Muse, der Grenzstadt zu China. Mingalar bá Burma. Ich komme wieder.

Grenze

Istanbul

Abgezockt und mit Geld beworfen … das türkische Ying – Yang?

Istanbul – Drehkreuz für Handel seit Jahrtausenden. Aufgrund der strategisch wichtigen Lage auch heiß umkämpft … bis heute. Waren die Siedler und Belagerer früher Griechen, Perser und Römer, so fallen heutzutage Deutsche, Russen und Briten über die Stadt her. Geändert hat sich sich lediglich die Art der Kriegsführung. Während man vor ca. 1500 Jahren auf eine Belagerungszeit von 10 bis 30 Tagen schwor, halten die modernen Belagerer fast das gesamte Jahr die Stellung. Sie bedienen sich dabei einer perfiden aber ausgeklügelten Austauschtaktik. Die jeweiligen Vasallen der Belagerungswelle werden nach 10 bis 14 Tagen durch neue getauscht und mittels einer modernen Kriegswaffe – der Charterflieger – preiswert und zivil getarnt eingeschleust. Geködert werden die vielen Freiwilligen – auch das ist eine sensationelle Neuerung zur Geschichte – mit der den Plünderungen ähnlichen Schnäppchenjagd. Selbstverständlich waren meine Motive nach Istanbul zu fliegen reiner Natur! Ich folgte einer Hochzeitseinladung und befand mich in Gesellschaft der Mutter und der Großmutter der Braut. Um unsere lauteren Absichten zu unterstreichen, buchten wir einen am Flughafen gebotenen Shuttelservice und wurden für 50 Euro zum Hotel gefahren, was schon mal klar kein Schnäppchen war. Verwirrend war allerdings die Absage des Fahrers, den wir vertrauensvoll für unsere Anreise zur Hochzeit am übernächsten Tag auf die asiatische Seite Istanbuls chartern wollten. Er erklärte kurzerhand, das wäre ihm zu weit. Die wirtschaftliche Kalkulation hinter dieser Erklärung war zunächst nicht nachzuvollziehen.

Während der Fahrt zu unserem Hotel drängte sich das nur aus dem Augenwinkel wahrgenommene Bild von hunderten Klamottenläden in mein Bewusstsein. Das Hotel lag wie eine Insel mitten darin. Trotz eisernen Vorsatzes, nicht zu den Plünderern gehören zu wollen, fehlte mir doch noch dies und das für mein Hochzeits-Outfit. Also zog ich mit den Freundinnen im Schlepptau los, die Marktsituation in unserem Viertel zu erkunden, selbstverständlich widerwillig! Aber ach, die Bewohner der Stadt waren auf die Eindringlinge bestens vorbereitet. Sie boten die Ware schon mit in den Scheiben und Wänden geprägten fremdländischen Lettern feil. Russische Inschriften konnten mich nicht schrecken. Mit meinen rudimentären Russischkenntnissen konnte ich der Vorherrschaft der zweitgrößten Belagerergruppe Istanbuls in meinem Viertel noch ein paar Meter streitig machen. Als mir dann aber jede der angesprochenen Verkäuferinnen erläuterte, ich könne nur kaufen, wenn ich ein Teil in mindestens vier verschiedenen Größen erwerben würde, war ich geschlagen. So ein Mist! Verkauf nur an Händler.

Also wichen wir auf Bildung aus, zahlten 20 Euro in einem Taxi um nach gefühlten 45 Minuten am Topkapi-Palast ausgesetzt zu werden. Die Schlange an der Kasse für Eintrittskarten zog sich in riesigen Mäandern über den Park fast bis zur blauen Moschee. Die wiederum war gerade für Besichtigungen geschlossen – es wurde gebetet. Während wir für eine Sekunde hilflos vor den Menschenmassen hielten, bekamen wir von mitfühlenden Türken – selbstverständlich in deutsch – Zuspruch. Und ganz nebenbei schoben sie uns Werbeflyer für Bootstouren auf dem Bosporus mit dem auf den Karten schriftlich fixierten Versprechen zu, nur für uns 5 – 10 Euro Rabatt zu gewähren. Wir waren dankbar, dass man in uns offenkundig Individual-Reisende erkannte und uns daher mit so viel Entgegenkommen bedachte und verzogen uns in sichere Entfernung zu den Touristenhorden auf die Dächer der Stadt.

Dach

 

Tatsächlich befindet sich auf bestimmt jedem zweiten Haus in Istanbul ein Dachgarten, Dachterrasse oder wenigstens riesiger Balkon mit Blick auf das Wasser und/oder eine Sehenswürdigkeit.

 

 

Dach 2Die Restaurants in den Nachbargassen zum Topkapi und der Blauen Moschee haben alle Dachterrasse und die Auswahl fiel schwer. Wir landeten in einem entzückenden kleinen Restaurant, dass uns lediglich 80 Euro für den kredenzten Fisch berechnete. Ob der grandiosen Aussicht, die uns irgend wie in eine wunderbare Trance versetzte, zahlten wir ohne zu zögern alles was sonst noch so berechnet wurde.

Die für den nächsten Tag aufgeschwatzte Bootsfahrt brachte uns wieder zum Topkapi. Dort sollten wir abgeholt werden. Also machten wir uns auf den Weg. Unsere Anfrage an der Hotelrezeption bezüglich eines Taxis wurde wie am Tag zuvor mit Unverständnis honoriert. Wir sollten doch besser Straßenbahn fahren. Also fingen wir uns ein Taxi auf der Straße, benötigten erneut ca. 45 Minuten und wunderten uns, wieso das Hotelpersonal uns immer wieder in die Tram verfrachten wollte. Wer weiß, wie lange wir dafür benötigen würden, samt Ticketkauf und allem Drum und Dran…. Bis zum vereinbarten Abholzeitpunkt flüchteten wir in ein nahe gelegenes Cafè und fanden uns bei Abholung doch in einer Touristengruppe, deren Anführer mit Schirm voraus weitere Horden einsammelte. Wie die Ratten folgten wir dem Herrn, der statt Flöte mit einem Schirm bewaffnet war, zum Anleger und wurden auf dem Boot bereits mit Techno-Sounds in Empfang genommen. Mit einem Bier bewaffnet – Gott sei Dank gab es Alkohol an Bord, der mein sensibles Gleichgewichtsorgan beschäftigte und mich so vor Seekrankheit und Mordlust wegen der Musik rettete – genossen wir die großartige Szenerie.

die Jagd beginnt

Na gut, soweit man sie überhaupt sehen konnte. Wenn unser Kapitän nicht wieder in wilder Jagd andere Ausflugsschiffe überholte, die dann die Sicht versperrten. Meist hat er die Rennen gewonnen, so dass wir dann doch wieder einen Blick auf die Ufer ergattern konnten.

Angeln      Prinzess

Aksaray Boot

Im Anschluss erklommen wir dann wieder unsere Dachterrasse und aßen an diesem Abend mal keinen teuren Fisch.

Abendstimmung     Blaue

Für die Rückfahrt versicherten wir uns, dass diese nur 20 Euro kosten würde. Vor dem Hotel angekommen wollte der nette Fahrer dann aber 30, weil das eben seine Taxiuhr anzeigte und als wir ihm lediglich die 20 gaben, gab es großes Geschrei. Er fuhr wieder an und wir mussten uns mit einem Sprung aus dem Wagen retten. Das Geld hatte ich ihm vorher auf den Beifahrersitz geworfen, was ihn dazu veranlasste sofort in die Eisen zu gehen und uns unter wüsten Beschimpfungen die Münzen hinterher zu werfen. Wir retteten uns ins Hotel…

Den Schock bekämpften wir später mit einem Drink. Die unzähligen Bars und Restaurants in der Fußgängerzone Richtung Taksim-Platz sind nicht gerade preiswert – aber was ist das überhaupt in Istanbul? Allerdings findet sich so manch skurriler Laden, in dem die Barkeeper selbst Tonic aus geheimnisvollen Ingredienzen anmischen.

Taksim

 

Wir fanden einen netten Club mit Live-Jazz und kamen erst spät in der Nacht zurück.

Am nächsten Tag ging es auf zur Hochzeit. Wir nahmen wieder ein Taxi – nicht ohne vorher Selbstverteidigungs-Strategien zu entwickeln – sahen uns aber ganz anderen Problemen ausgesetzt. Die gesamte Brücke in den asiatischen Teil war ein einziges Verkehrschaos. Glücklicherweise rannten zwischen den hektisch von rechts nach links wechselnden Wagen – was keinen Zentimeter Streckengewinn brachte – Jungs, die Backwaren anboten. Verhungern mussten wir hier also nicht. Nach einem obligatorischen Zusammenstoß mit einem Kleintransporter – unser Fahrer erläuterte, dass man hier einfach weiter fährt, wenn kein großer Schaden entstand – erreichten wir dann doch noch die Hochzeitsgesellschaft. Der Stadtteil Beykoz ist ein sehr nobles und im Grünen gelegenes Plätzchen. Dass man hier noch in Istanbul ist und gerade dem Verkehrstod entkam, war sofort vergessen. Allerdings fror ich mir während der langen und ausufernden Braut und Bräutigam-Präsentationen und Fotosessions in meinem Kleidchen fast die Hacken an. Eine süße ältere Dame – ich konnte die Ladies ob des gemeinschaftlich getragenen schwarzen Tschadors mit bestem Willen nicht auseinander halten – wollte mir daher eben diese Tracht ans Herz legen. Ich lehnte dankbar ab und stellte mich auf die wohl folgende Erkältung ein, nur weil ich die praktischen Vorzüge des Schleiers einfach ignorant ablehnte.

Aksaray

 

 

Nachdem auch einige der männlichen Gäste, die sich wohl ebenfalls aufwärmen wollten, keinen Alkohol in einem Kiosk um die Ecke auftreiben konnten, musste auf dem Heimweg noch ein solcher überfallen werden. Irgend wie mussten wir ja alle wieder warm werden.

 

Nach den gemeisterten Scharmützeln der letzte Tage wurden wir übermütig. An unserem letzten Tag wollten wir den großen Basar besuchen und die Anfahrt tatsächlich mit der Tram versuchen. Die Station fand sich ca. 150 Meter entfernt von unserem Hotel. Die kleinen Bahnsteige kann man nur über ein Drehkreuz nach Kartenkauf betreten. Davor finden sich Automaten, die in englischer Sprache fast selbsterklärend zur gewünschte Karte führen (2,50 Euro) und nach 10 Minuten waren wir am Basar – unweit des Topkapi! So eine Grütze… Ablenkung von der Schlappe der letzten Taxitage fand ich erst wieder in den verwirrenden Gässchen mit versteckten Cafés im Markt und nachdem ich eine kleine Spinnerei entdeckte, in der güldene und silberne Fäden gesponnen wurden.

Markt                Spinnerei

Alles im Lot war dann wieder nach der letzten Fahrt zum Flughafen, Das Hotelpersonal, dessen Rat ich ab jetzt als heilige Worte ehren wollte, erklärte, die Fahrt würde nicht mehr als 40 Euro kosten. Haben wollte der Taxi-Schurke 70! Während ich meine im Markt erworbenen bemalten – angeblich historischen – Kacheln durch den Zoll schmuggelte, dämmerte mir, dass nicht Istanbul belagert wird, sondern die ehemals kriegerischen Türken ihre Plünderungszüge nun praktisch vor Ort abhielten, ohne die Stadt verlassen zu müssen. Nach einer Taxifahrt hat der Fahrer seinen halben Wochenlohn und hat erst mal frei …

Merhaba!

Kapverden 2013

Kapverden

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Cabo Verde06:00 Uhr … der Wecker ist unerbittlich. Draußen ist es dunkel, unter Null Grad und es schneit … Unser Flieger geht zwar erst 12:45 Uhr und das Gepäck ist bereits im Vorabend-CheckIn versenkt … doch Gundel muss noch zu einem Telekom-Shop ihre falsche SIM-Karte tauschen und ich viiiieeel dringender zum Zoll. Am Samstag vor Abflug kam tatsächlich die Info, dass mein aus Yunnan georderter Tee im Hamburger Hafen liegt und ich ihn innerhalb von zwei Wochen auslösen kann. Was für ein Timing!

Seit meinem letzten Urlaub – der ein wenig Gehirnwäsche-Qualitäten hatte – ziehe ich schon mal einen guten grünen Tee anderen Flüssigkeiten vor. Der Haken an der Sache ist allerdings, dass ich nun offensichtlich selbst zu den „Teetrinkern“, also der langweiligen, blasshäutigen und Aggressionen auslösenden, verständnisvoll dreinblickenden Sorte Mensch zähle. Und nicht zu vergessen: ich musste mal wieder ein über Jahre gepflegtes Klischee über Bord werfen!

Egal, beim Zoll war ich eh ein Alien: „Tee?, Sie bestellen losen Tee aus China?“ Irgend wie fanden die Beamten meine Begeisterung über das erste „family member, that arrived safe“ so ansteckend (das waren die Worte von Jeff, dem Tee-Fetischisten, Verkäufer und Freund aus China, dem ich die frohe Botschaft sofort simste), dass sie mir den Karton sehr ambitioniert abfertigten … Ich brauchte einen Steuerbescheid, eine Unbedenklichkeitsbestätigung irgend welcher Behörden – weil Lebensmittel aus dem Ausland – und was weiß ich noch. All das besorgten sie mir innerhalb der nächsten 30 Minuten mit umgehender telefonischer Belästigung aller zuständigen Ämter, bis diese zustimmten. Großartig! Ein Hoch auf den Hamburger Zoll! Und so bekamen wir nach SIM-Tausch stresslos unsere Maschine.

Eingequetscht in eine überbuchte und nach portugiesischen Gardemaßen geschneiderte TAP-Maschine – meine Knie wollten einfach nicht hineinpassen und nachdem mein Vordermann seinen Sitz auf Schlafmodus stellte, lag er seelig in meinem Schoß – landeten wir nach einem minimalistischen Imbiss am Nachmittag im regnerischen Lissabon. Aber immerhin bei 16 Grad Celsius, also schon mal 20 Grad wärmer, als daheim.

LissabonDer Ausflug in die Altstadt wurde ob des grässlichen Sprühregens kürzer als erhofft und so landeten wir direkt im Café und Restaurant Martinho da Arcada in Hafennähe. Wir waren gegen halb sechs dort und Essen gab´s angeblich erst ab 19:00 Uhr.

Da wir erklärten, bei Kaffee die Zeit überbrücken zu wollen, entschied sich der Kellner den Koch darum zu bitten, statt nur für das Personal auch bereits für uns was zu zaubern. Das tat er dann auch und zwar extrem delikat. Die Preise sind inzwischen zwar gehoben, aber alles passte und wir fuhren kugelrund und völlig entspannt zurück ins Hotel.

5:00 Uhr

Der Wecker ging schon wieder. Was für eine Urlaubsstrapaze! Sechs Uhr ging das Shuttle zum Flughafen. Landung nach einem vierstündigen Flug mit Gott sei Dank mehr Platz an Bord.

Das Don Paco lag wie versprochen am Hafen von Mindelo, war sauber und nur ein wenig hellhörig. Großer Vorteil des Hotels gegenüber anderen, war die Bar, die sogar Hendrick´s vorrätig hatte und einen Hotspot-Zugang ( 1 Stunde = 3,00 Euro) – keine Selbstverständlichkeit auf der Insel. Mindelo selbst ist gefühlte drei Straßenzüge groß und mutet bei der Farbe der Häuser fast ein wenig karibisch an. Uns verschlug es nach kurzem Rundgang direkt in den Club Nautic…

NauticEs gab unglaublich zarten aber fantastisch gewürzten Garupa – ein roter Fisch, den ich jedenfalls bisher nicht kannte – aber auch ein einheimisches Bier der Marke Strela. Einziges Manko: sie haben es in winzige Flaschen abgefüllt, was zwei schwedischen Leidensgenossen ebenfalls gegen den Strich ging, mit denen wir uns bereits das Taxi vom Flughafen zum Hotel geteilt hatten und ihnen im Hinblick auf die Größe der Stadt immer wieder über den Weg rannten.Zum Garupa gab es noch kleine gebratene Kartoffelwürfel, die Erwähnung verdienen, weil sie ebenfalls gut gewürzt, aber auch mit gleichen Anteilen von Knoblauchzehen zu Kartoffelknollen gemixt waren. Ich war im Paradies, stank hinterher aber eher nach mindestens einer Etage tiefer …

PoolWährend wir den Sonnenuntergang mit Wein genossen, joggte halb Mindelo an uns vorbei und bei den wenigen übergewichtigen Menschen hier, machte das Abhängen am Hafen eher ein schlechtes Gewissen, als Spaß. Also verdrückten wir uns irgend wann ins Hotel, um nach einem gefühlt zu kurzen Schlaf erneut von den militärischen Jogging-Gesängen junger Kadetten geweckt zu werden. Mein Gott, nahm das denn überhaupt kein Ende? Nein! Die Menschen liefen den ganzen Tag leichtfüßig Hänge hoch und runter, am Hafen lang und stoppten nur, um noch ein paar Klimmzüge an dafür vorgesehen Stellen einzuschieben und sahen einfach alle unverschämt gut aus.

Ich kriegte Hunger!

Während eines ausgiebigen Frühstücks versuchte ich die Herbergslage auf Santo Antao zu checken. Normalerweise schaue ich einfach in dem Ort, in dem ich lande, ob sich was findet, aber Ostern steht vor der Tür und wenn es hier Touris in den drei Pensionen und Hotels gibt, dann Ostern. Alles was ich anfunkte war ausgebucht. Normalerweise schockt mich auch das nicht, denn irgend was geht immer, aber Gundel wurde unruhig. Also kontaktierte ich eine Dame von Mindelo Vista Verde Tours, die auf eine meiner Buchungsanfragen in deutsch geantwortet hatte. Sie erklärte, dass es ziemlich kurzfristig sei, dass sich aber was finden könnte, wenn wir sie in ihrem Office in Mindelo besuchen würden. Wo wir sie denn genau finden könnten – eine Adresse außer „Mindelo“ wurde auch im Abspann der Mail nicht verzeichnet – beantworte sie mit:

„unser befindet sich nicht weit von Praca Nova, neben discotheke Syrius. Das Haus wo wir sind hat Holzterasse und wir sind im 2. Stock.“

Aha! Was hieß jetzt auf Kapverdisch „in der Nähe“? Und wo war diese verdammte Disko?? Wir umrundeten den kleinen Park, der sogar fast neben dem Paco lag, in immer größer werdenden Kreisen und fanden die Diskothek! Aber kein Schild von Vista Verde … Holzbalkone gab es auch nicht wirklich. Vielleicht ein paar Holzverkleidungen, die aber an mehreren Häusern. Eine Dame in einem Shop drückte dann auf unsere verzweifelte Anfrage den Klingelknopf der Nachbartür … und siehe da .. uns empfing die nette Frau Szabo. Für ihre ungarische Herkunft und den Kapverdischen Pass sprach sie zu gut deutsch und erläuterte, dass sie das mal studiert hätte. Dank Frau Szabo buchten wir dann sicherheitshalber durch – drei Nächte in Ribeira Grande – sechs im Paul-Tal und dann den Rest wieder in einem netten Hotel in Mindelo. Dazu gabs noch ein paar wunderbar klingende Tipps für Touren und die dringende Bitte, ein Feedback zu den Unterkünften zu geben. Sie traute dem Frieden und den versprochenen Buchungen selbst nicht über den Weg.

So wollten wir zum Beispiel ein Doppelzimmer mit zwei einzelnen Betten, was nach Auskunft der Pensionen kein Problem sei, Frau Szabo aber für nicht glaubwürdig hielt. Es blieb also trotz Durchbuchung nach wie vor spannend…

Nach soviel Arbeit erst einmal Sport!

Wir wollten auf den höchsten Aussichtspunkt von Sao Vicente, den Monte Verde (750 m). Ein kurzes Telefonat von der netten Dame am Empfang des Paco und 5 Minuten später stand Jorge vor uns – unser Flughafen-Taxi-Fahrer. Wir handelten 30 Euro heraus, und er fuhr mit uns erst die halsbrecherischen Serpentinen zum Monte Verde – nicht ohne an allen erdenklichen Aussichtspunkten zu stoppen, an denen uns der Wind fast vom Fels geblasen hätte – und dann wieder herunter zur Baia das Gatas.

AusflugAn diesem recht langen, aber fast leerem Badestrand sind wir dann zwei Stunden rumgedümpelt, haben uns neben Sand in der Badebüx – es wurde einfach nicht tief, so das man sich wie ein Rentner in die laue Atlantik-Wanne legen und mit dem Hintern über den Boden schleifen musste – auch noch den ersten Sonnenbrand geholt.Trotzdem ein voller Erfolg. Wir waren geschafft von der Anstrengung der letzten drei Stunden und kehrten glücklich nach Mindelo zurück, wo wir dieses mal ohne schlechtes Gewissen den Joggern hinterher schauen konnten, während wir die ersten homöopathischen Dosen Strela orderten.

Shila – die Bedienung – hatte Musik gegen acht versprochen und pünktlich gegen neun ging´s in der Nautic Bar los. Drei Jungs – einer am Bass, einer an der Gitarre und ein Sänger – boten unglaubliche einheimische Musik dar, die zum Teil an portugiesischen Fado, teilweise natürlich an Cesaria Evora – der berühmtesten Diva der Kapverden – aber manchmal auch ein wenig an Salsa erinnerte.
Unglaublich schön … melancholisch und dann wieder peppig. Nach einem weiteren fantastischen Essen und zwei Stunden Musik gab Gundel auf und verschwand ins Hotel, während ich mich mit den inzwischen vertraut wirkenden Schweden durch die Strela Vorräte kämpfte. Die Jungs waren hier zum Fischen und hatten sage und schreibe, für eine viertägige Tour auf der sie den Blue Marlin fangen wollten pro Mann 3.500 Euro gelöhnt. Es gibt so viele Verrückte auf dieser Welt! Aber noch unsicherer wurde ich über den Geisteszustand der beiden Neufamilienmitglieder, als sie mir erklärten, dass sie wohl in den vier Tagen mit weiteren 4 bis 5 Leuten nicht mehr als zwei Fische an Bord ziehen werden und die dann nicht etwa essen, sondern zurück ins Meer werfen … Wahrscheinlich, damit einer der Mitstreiter dem Biest bei Wasserkontakt direkt seinen Haken der Angel ins Maul halten und auch einen Jagderfolg vorweisen kann – das wäre dann Fisch zwei der Tour. Die Schweden spinnen!

Aber sie zahlten mir meine frechen Sprüche heim, indem sie aus dem Nähkästchen über deutsche Touristen in Schweden plauderten und sich diebisch freuten, dass ich nun als Opfer für die kaputte Bande herhalten musste. So gibt es wohl bei den Schweden die Regel, dass jeder sein Zelt überall aufbauen darf, wo er will. Erwischt er dabei trotz der Weite fremden Besitz, so darf er zumindest eine einzige Nacht dort campen. Und nun ratet! Der Deutsche kennt seine Rechte! Ich war fassungslos. Ich werde mich demnächst mit meinem Zelt bei den Nachbarn auch ohne zu fragen einrichten…

5:00 Uhr und ich hab ein verdammtes Deja Vu …

HafenUnsere Fähre geht um sieben und da sein müssen wir halb. Ich dreh noch durch. Aber auch das haben wir gemeistert, ich dann sogar die etwas wackelige Überfahrt ohne Seekrankheit! Eine Glanzleistung, denn als Kind wurde mir sogar auf ner Schaukel schlecht und die Story mit dem gelben Gummiboot auf der spiegelglatten Ostsee kennt inzwischen jeder…

 

Abfahrt

Wahrscheinlich war mein Magen aber einfach nur noch nicht wach … Kaffee und Frühstück gabs nämlich erst am Hafen in Porto Novo auf Santo Antao. Dort charterten wir nach dem ersten Imbiss einen kleinen Van, der sonst als Sammeltaxi fungierte, handelten 60 Euro für die Fahrt über die von allen Seiten empfohlene „Old Road“ aus und starteten in die Welt der Serpentinen.

 

Santo AntaoDa war sie wieder die Seekrankheit … Überlistet haben wir diese lästige Begleiterin mit tausend Stopps für Fotos oder beim Aufsammeln von Einheimischen. Eigentlich hatten wir den Wagen allein gebucht, doch das sah man ja von außen nicht und daher gaben Passanten Zeichen, wenn wir näher kamen, weil sie mit wollten. Der Fahrer fuhr vorbei, doch wir insistierten umgehend und alle – inklusive Fahrer – waren glücklich. Die Leute mussten nicht weitere Stunden auf ein Fahrzeug warten – es gibt keine regulären Abfahrtzeiten solcher Taxis – der Fahrer verdiente noch ein paar Escudos und wir freuten uns über die glückliche Meute Kinder samt zweier Mütter auf unseren acht freien Sitzen … Allerdings mussten die Mitfahrer ein paar unfreiwillige Stopps in Kauf nehmen, wenn ich ob der wahnsinns Berge in Fotoextase geriet und ständig aus dem Wagen wollte.

Wind

FelderWir passierten den Krater in der Mitte der Insel und derart schroffe hohe Berge, die ich das letzte Mal in dieser Ausführung auf Madeira gesehen hatte. Erstaunlich war aber auch die Vegetation. Um Porto Novo herum war der Fels karg und wüstenartig, wie die gesamte Insel Sao Vicente. Sobald man aber auf dem ersten Bergkamm war, stand man inmitten von Kiefernwäldern, fruchtbaren Tälern und terrassierten Berghängen. Was für ein Kontrast!

Ribeira Grande sieht man bereits von hoch oben in einem trockenen Flusslauf am Meer. Und irgend wie wird die Ansammlung kleiner Häuser nicht größer je tiefer und näher man kommt. Der winzige Ort besteht aus drei „Stadt-“ Teilen, wobei das Zentrum recht belebt ist. Alle hängen auf der Straße rum und machen .. ja was eigentlich?

Unsere süße Pension wirkte morgens gegen halb elf noch etwas lethargisch – was man mit den Feierlichkeiten am gestrigen Abend entschuldigte. Das Divin Art ist eine privat geführte Pension (drei Doppelzimmer, a 35 Euro die Nacht) im Haus der Inhaber. Achja, es gab natürlich keine zwei Betten in dem gebuchten Zimmer, so dass wir kurzerhand das noch freie zweite Zimmer dazu buchten. Im Divin Art wird man automatisch Teil der Familie, die mit zwei bis drei weiteren Angestellten den Betrieb führt. Wir fühlten uns sofort wohl und akklimatisierten neben einem kurzen Rundgang fast den gesamten Tag auf dem Anwesen. Neben einem Restaurantbetrieb bietet das Haus auch einheimische Kunst. Abends spielen die Inhaber auf der Gitarre einheimische Klänge und singen abwechselnd dazu bis weit in die Nacht. Irgend wie angenehm verwunschen …

Außerdem sind die beiden offenbar tierlieb, was hier nicht unbedingt üblich ist und schienen neben dem eigenen Haushund gewillt zu sein, einen sehr jungen zugelaufenen Streuner aufzupeppeln. Allerdings hielt diese Information Gundel nicht davon ab, das AntiBrumm zu zücken und auf den kleinen Flohzirkus los zu gehen. Sie überlegte zwar trotz der willigen Hausherren auch dieses Tier nach Deutschland zu entführen, (neben den anderen gefühlten 200 Hunden, die wir zuvor gesehen hatten) brummelte aber wenigstens nicht alle zwei Minuten mehr vor sich hin: „Ich fasse es nicht! Süßiiiiiili! Ich bringe Futter!“ … Gundel on mission!

Hund

Kapverden Teil 2

Divin
DivinArt!Am dritten Abend hatten wir uns wirklich eingegroovt. Es war Ostern und klar gab es wieder Musik und Party bis zum Abwinken … aber eine vorsichtige Frage der Inhaber zeigte, dass sie schon merkten, dass es für Touris schwierig werden könnte, wenn unter ihrem Zimmer und vor dem Balkon der Bär steppt.Dennoch, wer mehr als nur Hotelbetrieb und Wandern bis der Arzt kommt will, ist hier richtig. Einer kleineren Reisegruppe, die trotz ausgebuchter Pension bleiben wollten, ermöglichten die Inhaber eine Übernachtung der besonderen Art. Es wurden Matten auf Hof und dort befindlicher Bühne (!) ausgelegt und alle schliefen draußen.Ausflüge von hier haben wir nach Xoxo und nach Fontainhas gemacht. Bis Xoxo gings mit dem Taxi und dann hoch zur Felsnadel und drum herum.

NadelDie Landschaft ist unglaublich. Vor allem nach den trockenen Tälern von Sao Vicente erscheint einem aus dem Fels sprudelndes Wasser am Wegrand als der Garten Eden. Selbstverständlich verging uns die romantisch blauäugige Naturbeschau auf dem weiteren holprigen Weg nach oben. Prustend hat man einfach nur noch den Blick für die Steine, über die man nach oben stolpert. Nachdem uns drei Esel überholten, überlegten wir zu trampen … und entschieden, KAPITULATION, Umkehr!

 

Wand

Den Rückweg nahmen wir dann wenigstens kein Taxi oder Aluguer – das hiesige Sammeltaxi – sondern wanderten nach dem Abstieg die nicht mit zu vielen Steigungen verunstaltete und vor allem asphaltierte Straße zurück. Wieder zu Kräften gekommen, entdeckte ich auf der anderen Straßenseite Fässer … Holzfässer und steinerne Öfen … Grogue!!!

 

Grogue

Davon hatten wir bereits vielfach gehört. Der einheimische Zuckerrohrschnaps wird gefühlt an jeder Ecke gebrannt. Also wechselten wir umgehend die Straßenseiten und schlichen uns vom ausgetrockneten Flussbett her an. Nachdem ich Gundels Einwände, es wären doch Stimmen zu hören und ob wir hier überhaupt rumschnüffeln dürften (und das war wörtlich gemeint, denn ich hing bereits mit der Nase prüfend im ersten Fass), zunichte machte und direkt den dösenden Clan-Chef weckte, durften wir testen :-) Gott sei Dank hatten wir kleine, auf unserer Wanderung geleerte Wasserflaschen in der Tasche. Als ordentliche Wanderer haben wir den Müll, den wir in die Berge schleppten, auch wieder mit heraus geschleppt. Das machte sich nun bezahlt. So hatten wir direkt Abfüllflaschen und kauften von dem verkosteten Teufelszeug…

Nach der Verkostung gings leicht beschwippst auf die Straße zurück… Gundel traute dort allerdings ihren Augen nicht. Ein kleiner Junge versuchte einem etwas abgerissen aussehenden Mann eine Krawatte zu binden – und so wie das aussah, konnte Gundel das einfach nicht durchgehen lassen. Es gab eine Einweisung für alle im Windsor-Knoten! Der junge Mann war glücklich, ordentlich zu seinem Termin zu kommen und für Gundel war die Welt wieder in Ordnung.

KrawatteUnd da soll noch mal einer sagen, es gäbe hier nur Machos …

Macho

 

Fontainhas erreichten wir mit einem Aluguer bis Ponta do Sol und von dort nach einem ausgiebigen Lunch am Hafen zu Fuß an den Friedhöfen vorbei in ca. 1,5 Stunden. Die enge Straße war zwar einfacher zu laufen, als die anderen Wanderwege, die uns bisher unter die Füße kamen, hatte aber dennoch so einige Steigungen und bot wenig Schatten zum Rasten. Die im Reiseführer versprochene Aussicht aber war es wert.

FontainasIm Ort rasteten wir mit kühlen Getränken, die wir in einem kleinen Hinterhof-Laden erstanden hatten und wurden erst durch ohrenbetäubender, aber vor allem hoffnungslos übersteuerter Dauerbeschallung, den Partyvorbereitungen für den Abend, in die Flucht geschlagen. Praktischerweise startete gerade ein Aluguer in Richtung Ponto do Sol, dass wir sofort in Beschlag nahmen … auch wenn wir dafür noch ein süffisantes Lächeln von einer deutschen Wanderin und ihrem Mann bekamen, die uns bereits vorher zu verstehen gaben, dass sie Insider waren, sich also quasi besser als die Einheimischen auskannten. Die vollkommen in Outdoor-Funktionskleidung von Jack Wolfskin gekleideten und mit ordentlichen Wanderstöcken ausgerüsten „Insider“ kamen gerade von der 5-stündigen Marathon-Tour aus Cruzinha vom Pass, während wir Unwürdigen hier im Schatten lungerten. Auf uns Turnschuh und normale Klamotte tragende, nicht trainierte, das Landschaftsbild verschandelnde Touris hatten die Herrschaften bereits bei ihrer Ankunft nur mit Abscheu herabgesehen und nun bestätigten wir mit unserer Taxiwahl ihre schrecklichsten Vermutungen.

Bei einem kühlen Strela und dem ersten Soundcheck für den Abend in unserer Pension hatten wir die Begegnung der dritten Art allerdings bereits wieder verdrängt.

Divin ArtInsgesamt hatten wir im Divin Art großartige Ostertage, mit Tanz (wir mussten leider auch ran – und haben uns zumindest so gut geschlagen, dass der Tanzpartner nicht sofort schreiend weglief), Kunst und familiärer Anbindung. Man wird fast ein wenig wehmütig, diesen zauberhaften Platz verlassen zu müssen, aber wer weiß, was noch auf uns zukommt?

Elf Uhr fünf. Unser vor drei Tagen für 11:00 Uhr bestelltes Taxi hupte. Spinne ich? Was ist jetzt mit der kapverdischen 30-minütigen Anstandsverspätung? Ich hatte nach der Tanznacht noch nicht einmal meinen dringend benötigten dritten Kaffee. Aber es half nichts. Wir verabschiedeten uns herzlich von der Chefin des Hauses samt Tochter, aber nicht ohne ihnen ihre E-Mail-Adressen abzuschwatzen und schon ging´s los Richtung Vila das Pombas und zur für die nächsten Nächte gebuchten Casa das Ilhas im Paul-Tal. Ein kurzer Bank-Stop in Ribeira Grande ließ mich allerdings an Gundel´s und sie selbst auch kurz an ihrem Verstand zweifeln. Während ich mit unserem Taxifahrer den Abholservice für den 06.04. klar machte, sah ich aus dem Augenwinkel, dass in der Bank Seltsames vor sich ging.
Dass Gundel wirklich mit jedem Viech – vor allem Hund – ein langes Gespräch anfangen musste, hatte ich inzwischen begriffen, aber dass sie nun auch noch in den Schlitz eines Geldautomaten sprach, irritierte mich ziemlich. Nachdem sie allerdings mit einem Stapel Scheine zurück kam, muss ich zumindest einmal über diese spezielle Methode des Geldabhebens nachdenken.

Angeblich benötigte der Geldautomat nicht etwa wegen einer gefühlt zu kurzen Leine oder was auch immer Zuspruch. Nein, er meldete sich selbst und zwar eindringlich, als sie versuchte die Karte in den Schlitz des Automaten zu stecken. „Un momento por farvor! Un momento!“ Nachdem sie keine Lautsprecher oder eine Person im Raum wahrnehmen konnte, dämmerte es ihr. Ein Blick in den Schlitz brachte Gewissheit, denn es schaute ein schwarzes Augenpaar zurück! Die Augen gaben ihr zu verstehen, dass sie sich kurz gedulden möge und nach ca. 5 Minuten erschien der Kerl zu den Augen in der Banktür und erklärte, dass das Maschinchen jetzt wieder gehen würde. Reparatur oder ABM bei Stromausfall?

Kapverden Teil 3

Ankunft 20 Minuten später am Cargo-Container, dem Treffpunkt vor dem Aufstieg zur Casa das Ilhas. Unsere vom Hotel gesandten Kofferträger warteten schon: eine ältere Dame, die auf einem zum Kranz gerollten Handtuch Gundels Koffer auf dem Kopf balancierte und ihr über und über mit Muskeln bepackter Sohn, der sich über meine Habe her machte. Die beiden schleppten das Zeug mit einer Grazie und selbstverständlich leichtfüßig einen mörderischen Weg den Hang hoch. Wir stoppten zwischendurch dreimal und waren völlig erledigt. Gott, war das deprimierend. Nur unser Stolz verhinderte eine Ankunft auf allen Vieren.Endlich oben empfing uns die Hausherrin und wies uns in die Anlage ein. Das Hotel besteht aus mehreren kleine Häuschen mit Zimmern verschiedener Größe. Bei den meisten teilt man sich mit dem Nachbarn das Bad, inklusive einem großen Haustier der Spezies haarige Spinne.

Haustier

Wir hatten ein innenliegendes Bad gebucht und damit wohl das größte Zimmer erwischt. Es war mit 5 Betten ausgestattet, getrennt durch Vorhänge. Hatte ein wenig Jugendherbergsflair. Auch die Art, mit der man uns erläuterte, Kerzen wären im Zimmer nicht erlaubt – Taschenlampe sollte also jeder Reisende dabei haben, denn Stromausfälle gibt es hier recht häufig – und die Info, man müsse gegen sieben zum Essen erscheinen, bestätigten das Feeling. Im Essbereich mit Blick in die Schlucht gibt es den Gemeinschaftskühlschrank und ein Büchlein, in welches man seine Entnahmen selbst einträgt. Aber Achtung! Wie in jeder ordentlichen Jugendherberge wird die Tür zum Kühlschrank gegen 23:00 Uhr ohne Vorwarnung für den Zugriff verschlossen. Man sollte also eigene Vorräte anlegen, soweit man mit netten Mitreisenden mal ein längeres Abendschwätzchen halten will.

Da hier in diesem Adlerhorst offenbar hauptsächlich Wandervögel nur für kurze Zeit bleiben, um dann direkt weiter zu fliegen, ist alles auf eine kompakte Freizeitgestaltung ausgerichtet. Es gibt Routenpläne, die entliehen werden können oder von der Hotelchefin in jeder beliebigen Sprache erläutert werden, Lunchpakete und alle weiteren möglichen Tipps und Hilfestellungen. Organisiert wird quasi alles und prompt. Uns fehlte in der dennoch recht kleinen Anlage aber das familiäre Feeling und wir sehnten uns ein wenig zu unseren musizierenden vorherigen Gastgebern zurück. Abgefüttert und abgehakt fühlte man sich dort nie. Apropos abgefüttert. Sollte tatsächlich irgend eine lange Wanderung geplant sein, unbedingt irgendwo ein Lunch einnehmen. Das Frühstück besteht ausschließlich aus Marmeladen, einem relativ faden weißen Käse, einem guten Joghurt – der selbst gemacht ist – weißen Brötchen und einer Banane. Dazu gibt es frischen Saft, Kaffee und Tee, zu meinem Leidwesen aber nichts herzhaftes, wie Ei oder irgend eine Wurst. Nach drei Tagen haben wir uns Wurst in Dosen aus einem Mercado im Dorf gebunkert und zum Frühstück mitgenommen … Das Abendessen im Ilhas ist abwechslungsreich, aber für ausgemergelte Wanderer nicht immer ausreichend und nicht immer geschmacklich das Richtige. Es wird – mit Ausnahme von vorher kundgetanen Sonderwünschen, wie Vegan etc., für alle das gleiche Essen bereitet und serviert, aber es besteht eben keine Möglichkeit der Nachbestellung. Unser erster Abend endete ziemlich hungrig und konnte nur mit mehreren Strela aus dem Herbergskühlschrank überstanden werden. Danach tasteten wir uns an den steilen dunklen Abhängen über die Treppen zu unserem Appartement – es war Stromausfall und wir hatten unsere Lampe im Zimmer.

Gelegen ist das Ilhas allerdings traumhaft. Erhaben hängt es auf einem hohen Berg, umringt von ca. 1.000 Meter hohen Kraterwänden und nach vorn offen mit Blick in den Talkessel bis zum Meer. Ab und zu fliegen Fetzen von Musik vorbei, wenn auf den Nachbarhängen irgend wo ein Party abgeht … und das tut es scheinbar fast täglich, oder es laufen rhythmisch trommelnde Menschen die Hänge hoch und runter. Musik scheint das Leben auf den Kapverden zu bestimmen. Für mich das Paradis. Ich weiß gar nicht, wo ich gelesen hatte, dass hier zwar viel musiziert wird, man aber Glück haben muss, um Livemusik zu erleben. Ich glaube, wir hatten keinen Abend ohne…

Der Sternenhimmel hier ist ebenfalls gigantisch. Ich fieberte jedem neuen Stromausfall entgegen, der dazu führte, das man vor Sternen nicht mal mehr die paar bekannten ausmachen konnte. Ich konnte nicht anders und hab dann den Abend mit Jazz (Caro José´s , „Turning Point“) ausklingen lassen – übrigens zur Freude der belgischen Nachbarn, die „lauter“ skandierten.

Angesehen haben wir uns den nächsten Tagen ein paar Dörfer und die umliegende Bergwelt. So waren wir im Örtchen Janela – ein trostloser Platz auf einer Felsklippe über dem Meer – , Vila das Pombas und die Örtchen auf dem Weg zurück zum Hotel, mit kleinen Abstechern in Seitenstraßen; aber natürlich auch – wie es sich gehört – einige Wanderstrecken durch die Berge mit der Route 101 und 102. Eine der Routen führte uns zunächst bei einem Österreicher vorbei, der hierzulande fälschlich als „der Deutsche“ gehandelt wird. Er führt seit Ewigkeiten ein kleines Restaurant mit Biogemüse, selbst gebrannten Likören und Bränden und bietet die letzte Möglichkeit der Stärkung vor der wilden Bergpassage. Wir hätten uns dort außerdem Mut antrinken sollen … Der Wanderweg führt dann wieder Hänge auf abenteuerlichen Wegen hoch und runter, und wieder hoch und wieder … naja, man kann es sich vorstellen… bis in ein Flussbett. Flussbett? „Ich glaube, wir haben uns verlaufen.!“

FlussbettAber die Einheimischen, die uns mal wieder mit federnder Leichtigkeit entgegen kamen, bepackt mit Säcken voller irgend was, die sie über diesen Parkur schleppten, wiesen auf Nachfrage weiter voran. Voran? Wo war voran? Auf welchen Stein war er gerade geklettert? Und wo geht es nach dem großen Findling lang? Wir kletterten erst mal tapfer weiter. Angeblich ist ja der Weg das Ziel. Oh man, den Urheber dieses Spruches würde ich jetzt gern mal treffen. Aber bitte mitten im Zuckerrohr zwischen den Findlingen.

Jedenfalls quälten wir uns über die riesigen oder mal winzigen Geröllsteine auf mehreren hundert Metern Flussbett an zahlreichen kleinen Schnapsbrennereien vorbei, die die Hänge säumten. Man passiert dabei kleine Beete und Pflanzungen mitten im Flussbett, Rinnsale und hunderte Wasserkäfer. Wildromantisch, aber eben nicht ganz einfach. Gott sei Dank hatten wir zwei Lunchpakete des Ilhas (2 Bananen, 2 Joghurt, Brötchen, zwei Schmelzkäse und eine Dose Thunfisch) dabei. Klang zunächst etwas irre die Befüllung, war aber auf der Strecke genau das, was wir wollten und brauchten.

Den zweiten Teil der Tour durch die Figueiral nach Quintal und zurück Richtung Hotel – entweder mit Abkürzung über Passagem oder bis Boca de Figueiral – haben wir auf einen anderen Tag verschoben. Allein der Weg bis zum eigentlich schwierigen Aufstieg in Richtung Pico de Antonio und dann zurück zum Hotel über einen anderen Hang nahm ca. 6 Stunden in Anspruch. Wir sind keine Wanderfanatiker und die in Einheitskhaki gekleideten anderen Touristen haben natürlich nach dem gemeinschaftlichen Überfall auf einen Globetrotter daheim andere Ziele. Der Kram und seine Funktionalität muss schließlich getestet werden, solange es so was wie Garantie gibt. Und dann gibt es ja noch den internen Khakiträger-Wettkampf: „Höher, schneller, weiter, Insider“, der zu Höchstleistungen verpflichtet. Uns hat´s gereicht und wir haben ob des zu erwartenden übermächtigen Muskelkaters für morgen erst mal Faulenzen eingeplant. Allerdings weiß ich nicht, ob es so klug ist, dass Adlernest zu verlassen mit der zu erwartenden massiven Gehbehinderung. Ich fürchte, wir kommen nicht wieder hoch … und wenn dann nur auf allen Vieren…

Aufstieg

1:30 Uhr … ich höre es rascheln. Mist, wo war die Taschenlampe? Ich schlafe immer bei offenem Fenster und wollte unbedingt soviel Natur und Sternenhimmel haben, wie aus dem Bett möglich war. Die Matratze nach draußen zu ziehen, haben ich nach der mit erhobenem Zeigefinger übermittelten Gebrauchsanweisung der Anlage durch die Hotelchefin nicht gewagt. Wahrscheinlich wäre ich beim nächsten Frühstück direkt vor allen offiziell getadelt und nach Hause geschickt worden. Das Problem mit dem offenen Fenster war allerdings, dass davor direkt der Aufstieg in die über uns liegenden Dörfchen verlief, ich also quasi auf die Hauptverkehrsstraße schaute. Und irgend etwas tat sich gerade im Dunkeln am Fenster. Da war die Taschenlampe. Spot on! und ein Typ, der halb durch das Fenster herein hing, erschreckte sich zu Tode. Ich hüpfte zum Fenster und konnte noch, bevor ich ihm das Fenster vor der Nase zuknallte seinem Lallen entnehmen, dass er wohl ziemlich verwundert feststellte, dass er nicht, wie gehofft, schon zu Hause war … Eigentlich wollte ich sauer sein, weil ich nun in Erwartung weiterer betrunkener Heimkehrer von den umliegenden Feierlichkeiten mit geschlossenen Läden schlafen musste, aber da man ja auch selber schon mal seinen Schlüssel aus Versehen an der Tür des Nachbarn ruiniert hatte, ging das nicht wirklich.

8:00 Uhr. Aufstehen. Es ging. Nix Muskelkater. Komisch. Aber lazy day war lazy day. Strände gibt es hier nicht und wir waren zu faul, über Klippen zu steigen und hingen daher einfach wieder in Ponta do Sol ab. Der Hafen bot Kurzweil genug, da ständig neue Fischerboote ankamen. Die Hafeneinfahrt war etwas tricky. Die Boote konnten die steinige Passage nur meistern, wenn sie mit einem Wellenberg reinritten.

Hafen1

 

 

Fischer

Glücklich gestrandet wurden sie sofort von Kaufwilligen umringt und filetierten den Fang noch vor Ort.

Garupa

Zurück im Hotel hatte die Musik auf den Nachbarhängen gewechselt. Es gab keine Parties mehr, dafür x Trommler, die ähnlich den brasilianischen Rhythmen das gesamte Tal in Schwingung brachten. Angeblich fängt im April die Festivalsaison an und die Herrschaften wollten üben. Das taten sie dann ausgiebig bis weit in die Nacht. Irgend wann, mit neuem Versuch bei offenem Fenster zu schlafen, wurde das Trommeln dann so laut, dass ich wieder aufgeben musste. Gerade als ich am Fenster ankam, erreichten die Jungs unseren Bungalow und dieses mal war ich es, die erschreckt zurück sprang. Ich glaube es fiept immer noch im Ohr. Die haben direkt neben mir reingehaun und ich bin seit dem taub! „Sie mag Musik nur wenn sie laut ist …“.

DrummerNachdem wir die Touren hier offenbar unbeschadeter überstanden, als erwartet, starteten wir am nächsten Tag mit einem Mix aus Aluguer und Taxi in Richtung Cova de Paul. Von diesem Krater inmitten der Insel aus, wollten wir absteigen und wenn alles gut ging, vielleicht bis ins Casa das Ilhas über den zuvor abgebrochenen Weg nach Quintal laufen. Unsere deutschen und niederländischen Mitstreiter, mit denen wir uns das Taxi teilten, wollten zunächst auf den wolkenverhangenen Pico da Cruz, den wir uns aber wegen der fehlenden Aussicht ersparten. Also sprangen wir am Krater raus und sahen zu, dass wir den Weg in den Kiefernwald nach unten zum Kratergrund fanden, denn der Wind hier oben am Rand in den Wolken war erbarmungslos. Glücklicherweise wurde es dann tatsächlich angenehmer und die Sonne zwischen den Wolkenfetzen wärmte wieder. Der Kratergrund wirkte mit seinen Feldern irgend wie gebügelt und als der Wind dann noch Wolken herein drückte, wurde alles in Watte gepackt und hatte ein bisschen mystisches Feeling.

KraterAn der kleinen Gärtnerei ging es dann wieder zum Kraterrand rauf – ein 15-minütiger nicht schwieriger Aufstieg -, um am Ende den Abstieg in Richtung Vila das Pombas zu wagen. Oben blies uns der Wind noch einmal ziemlich um die Ohren und wir konnten nur Stellenweise durch die Wolken in das Tal schauen, aber der Anblick war gigantisch. Von hier führt eine Art Maultierpfad in tausenden, holprigen und steilen Serpentinen nach unten, über Hänge voller Mimosen,       Scharfgarbe und tiefer wieder Feldern mit allen möglichen Gemüsesorten.

AbwegeWenn der Reiseführer davor warnt, den Abstieg mit Knieproblemen zu wagen, so ist das keinesfalls überzogen. Wir hatten bei Beginn der Wanderung keine, am Ende aber schon! Der Weg hat es definitiv in sich und unsere Taximitstreiter, die zunächst auf dem Pico waren, hatten nach der Wanderung ebenfalls Probleme. Auf dem Abstieg selbst lockten so allerhand Versuchungen. So passte uns eine junge Lady mit ihrem Körbchen Kaffee ab.

Der Kaffee stammte aus der am Ende des Abstiegs liegenden Plantage und hauseigenen Rösterei. Selbstverständlich erstanden wir eine stattliche Probe der einheimischen Röstkunst. Ein paar Meter tiefer, versuchte uns eine ältere Dame in ihre eigene Schnaps-Brennerei zu manövrieren und ließ erst von uns ab, als wir außer Hörweite waren. Nach Auskunft der beiden Niederländer wurden auch sie von beiden abgepasst, unseren dritten Wanderer hat die ältere Dame dann wohl in ihr Hexenhäuschen gezwungen… Er sprach von „fast nicht mehr entkommen. Total beschwippst …“

Kaffee

Als wir die Straße nach Vila das Pombas erreichten, war uns längst das Weiterwandern nach Quintal vergangen. Wir stärkten uns in einer Pension namens Sandro mit Cachupa – einem einheimischen Gericht aus Bohnen, Mais und Maniok – glücklicherweise in der angebratenen Version, da ich die Eintöpfe nicht mag – und schnappten uns ein Taxi zum Hotel. Der Aufstieg dorthin war nach den 1000 Metern abwärts fast eine Wohltat. Naja, nicht wirklich …

Nachdem es nun zwei Tage geregnet hatte und wir die feuchte Kühle satt hatten, ging´s noch schnell zwei Gemälde von einem Künstler Namens Milton Lima im Shop des DivinArt kaufen und dann endlich wieder in die Sonne nach Sao Vicente.

Allerdings erst nach einem letzten Grogue …

Grogue1

Adeus Cabo Verde

Tuniha
An unserem letzten Morgen in unserer Jugendherberge auf dem Berg berichtete uns die Herrin des Kühlschranks kurz bevor wir abstiegen, dass gestern ein Einheimischer anrief und viermal auf Creol fragte, ob dort oben zwei Damen wohnen, die morgen gegen 14 Uhr abreisen wollten. Sie hätte dies leicht genervt bejaht, denn wir hatten sie darüber informiert, dass wir einen Abholservice geordert hatten. Aber auf die Idee, uns davon gestern zu erzählen, war sie irgend wie nicht gekommen. Lediglich kurz vor unserem Verschwinden sollten wir noch einmal angemessen honorieren und loben, dass sie Creol verstanden hatte.Naja, wir erwarteten eh nichts mehr von der Dame, wenngleich sie unseren Preis abrundete. Aber um an diesen Ort wiederzukehren bräuchte es meiner Meinung nach mehr Feeling …Und unser Creol sprechender Taxidriver kam überpünktlich! Wir hüpften rein und dann ging´s Richtung Porto Novo. Dort angekommen, hatten wir noch ca. zwei Stunden Zeit, bis unsere Fähre erwartet wurde.unruhiges WasserEin Blick auf die Meerpassage ließ mich allerdings zu unserer speziellen Wasserflasche greifen. Auf den Schreck und für diese Wellen da draußen musste ich dringend mein Gleichgewichtssinn aus dem Ruder bringen …

Und was soll ich sagen! Die an Bord verteilten Tüten brauchten zwei Einheimische aber nicht die seefest getrunkenen Touris! Wäre auch schade um das leckere Essen am Hafen gewesen :-)

Ablenkung gab´s zudem noch von zwei mit Instrumenten ausgestatteten Mitreisenden, die mal wieder melancholisch die Überfahrt begleiteten.

Band2

 

Oh man, ich will hier nicht weg!

 

 

AbschiedAls wir dann endlich in Mindelo strandeten, kannte keiner der befragten Taxifahrer das von Frau Szabo für uns organisierte Casa Colonial… So eierten wir erst einmal 40 Minuten durch die City, bis ich bei Vista Verde Tours anrief und an den Taxifahrer weiter gab. Dann fand er das Plätzchen endlich – ein schönes Kolonialhaus im Zentrum in einer Seitenstraße und mit grüner Fassade. Allerdings fehlte jeder Hinweis auf eine Pension, so dass wir zunächst zaghaft klopften. Doch Samira, die die Anlage führt, öffnete erfreut und nach einem ersten Rundgang mit ihr, wussten wir: „Volltreffer“. Dieses kleine Haus ist liebevoll restauriert, wunderbar, fast modern eingerichtet und durch die Gastfreundschaft von Samira wird der Aufenthalt dort zu einem Erlebnis. Es gibt ein größeres Doppelzimmer mit einzelnen Betten und einem wirklich schönen innen liegenden Bad und weitere Zimmer, die ein gemeinsames Bad auf der Terrasse im Innenhof des Hauses teilen. Wir hatten selbstverständlich das Zimmer mit eigenem Bad blockiert … und: wir durften Eier zum bereits abwechslungsreichen Frühstück bestellen!!!

Amel

 

Die letzten Tage und Abende verbrachten wir abwechselnd an der Marina, in der Gundel eine Amel entdeckte – sie hatte mal ein solches Segelschiff -, am Pool im Hafen und Abends bei Livemusik im Club Nautic.

 

 

BandWieder getroffen haben wir Touristen, die wir schon im Casa das Ilhas mochten und auch welche, die wir irgendwann zuvor in Mindelo gesehen hatten. Das Ganze hat etwas von kleiner Familie. Man trifft sich immer und überall wieder, soweit man nicht mit organisierten Touren unterwegs ist. Am Sonntag war der Club Nautic geschlossen und zwang uns zu einem Restaurantwechsel … Grundsätzlich eine gute Sache, aber wir erwischten das sehr zentrale Restaurant Chave D´Ouro an einer Ecke mit großem Balkon in der ersten Etage … Das Restaurant bot auch Unterkünfte und wir kehrten ob des zunächst guten Eindrucks ein. Innen änderte das Bild schlagartig, denn es gab einen wüsten Mix aus Elch-, Jagd- und Marley-Bildern, staubigen Storen, gammligen Toiletten und für hiesige Verhältnisse zu hohen Preisen. Das Essen war übel und mir hinterher auch. Wir türmten aus dieser Touri-Falle und nachdem mir fast die Gambas hoch kamen – mindestens eine war wohl etwas älter – musste ich dringend in eine Bar und das Zeug mit Schnaps innerlich desinfizieren. Und siehe da: Es gab eine kleine Eckbar direkt gegenüber mit vier Tischen, aber einem ausgesuchten Sortiment an Alkoholika, die nicht die Schlechtesten waren. Der Laden sah abgerissen und doch irgend wie kultig aus: Ich wollte da rein!!! Gundel: „Oh Gott nein! Was für ein düsterer, gefährlicher Laden und nur zwei düstere, gefährliche Leute drin“ Ich: „Ich brauche Grogue, die Tiere auf dem Teller waren alt! Ich muss da rein!“ Gundel: „NEIN!!!“ Ich: „Los“ und schob sie in die Tür. Gundel hatte keine Chance … der Laden wirkte wie das Zwick von Mindelo (das im Hamburger Mittelweg ist meine Stammkneipe) und mein Gefühl für gute Läden täuschte nicht, wie die erste Order von Grogue bewies. Uns wurde ein güldener alter samtiger Grogue serviert, der mich fast vergessen ließ, dass ich diese Art von Brand eigentlich nicht mag. Nach ca. 10 Minuten fuhr und stoppte fast mit Notbremsung der Chef des Ladens am Fenster, jagte seine Mitarbeiterin ob der interessanten Touris davon und bediente den gesamten Abend selbst.

Keine Ahnung wann und wie, jedenfalls stand ein Mann in der Runde und erklärte, er hätte mal Keyboard für Cesaria gespielt. Ich: „Beweisen!“ Er verschwand für 5 Minuten und tauchte dann mit seinem Keyboard bewaffnet unter dem Arm wieder auf, baute auf und … spielte sich über zwei Stunden in Rage!!!

Bar1Er hatte seine Spielerei zwar mit einem üblen Synthi-Sound unterlegt, der seine Musik irgend wie so TUI-Hotel mäßig anmuten ließ, dennoch hatte er ein riesiges Repertoire und spielte und sang zwischendurch auch wunderbare kapverdische Weisen. Hammer! Nachdem er verschwand, wie er kam … also keine Ahnung wann und wie … waren zwei alte Männer dort, die mit ihren Gitarren ohne Pause weiter machten … Musik!!!! Nach unglaublichen Mengen Grogue, die die Meeresviecher töteten, viel Tanz mit dem Chef Chico und einem Zickzack Parkur heim, schliefen wir seelig in unserem Refugium der Ruhe.

„Was? Was ist los?“ Oh Mist … Bauarbeiten! Es war sieben und im Hof stemmten Arbeiter die Schalung ein … Jetzt hatte ich verstanden, warum Ohrstöpsel auf dem Bett, statt eines Betthupferls lagen! Nach drei Kaffee war alles egal und wir genossen unseren letzten Tag mal wieder mit Hafen, Pool und Garupa im Club Nautica.

Jamaika 2011

jamaikag

1. Kingston

„Wolln wir tauschen?“ fragte ich Iwi, als wir nach bereits fast 20 Stunden Flug von Hamburg und mehr als 5 Stunden Aufenthalt in Miami in den Flieger kamen. Wir hatten zu lange am Ocean Drive gesessen und so nur noch Einzelplätze zwischen anderen Passagieren für den Flug von Miami nach Kingston erhalten. Auf mich wartete ein Mittelplatz zwischen einem ca. 2 Meter großen und ziemlich stämmigem jamaikanischen Farmer und einem amerikanischen Inspektor mit HSV-Baseball Cap.

Doch die kleine Kröte grinste und steuerte auf ihren Platz neben einem dürren amerikanischen Jüngling zu.

Ich ergab mich in mein Schicksal, atmete so tief wie möglich aus und quetschte mich zwischen die Herren. Während ich der Evolution zur sprunghaften Weiterentwicklung verhelfen wollte und auf Hautatmung machte, stellten sich die Herrschaften als ziemlich unterhaltsam heraus. Der Inspektor war häufiger in Hamburg, da er für den Germanischen Lloyd die Sicherheitstechnik an Bord von Containerschiffen überprüfte. Daher auch das fragwürdige Andenken auf seinem Kopf. Vom Farmer auf Fußball angesprochen, meinte er, er würde seinem Job gemäß nicht mehr spielen, sondern nur noch inspizieren. Ich verzieh ihm den Fauxpas in Sachen HSV. Allerdings nicht, ohne ihn noch einem kurzen Fan-Crashkurs zu St. Pauli zu unterziehen.

Nach über einer Stunde im Flieger bekamen wir endlich die Starterlaubnis, während ich mich bereits mit den beiden mehr als verbunden fühlte – und das eigentlich auch in physischer Sicht, die ich hier nicht weiter erläutern will. Nur soviel, bei der Hitze und der Enge befürchtete ich, sie müssen uns nach der Landung aus den Sitzen schneiden und die siamesischen Drillinge in einer mehrstündigen OP trennen.

Doch als ich mich irgend wie aus dem Sitz befreit hatte und Iwi sah, wusste ich, das Leben ist doch gerecht! Ihr hämischer Blick zu meinen anfänglichen Sitztausch-Avancen wurde mit einem missionierenden Sitznachbarn belohnt. Das blasse Bürschchen hatte das bayrische Girl während der gesamten Zeit davon überzeugen wollen, dass ausschließlich seine Interpretation des christlichen Glaubens von Belang sei und unbedingt in die Welt getragen werden müsste, auch wenn er bisher nichts als sein kleines amerikanisches Dorf gesehen hatte. Diese Ungewissheit und möglichen Strapazen seien eine Prüfung des Herrn, die er gern in Kauf nehmen würde …

Offenkundig wurde der Kerl wirklich von einer höheren Macht beschützt. Hätte Iwi die Plätze getauscht und ich hätte die missionarischen Gehversuche des irren Provinzlers ertragen müssen, wäre seine unversehrte Ankunft am Ziel nicht wirklich sicher gewesen.

2. Strawberry Hills

Endlich angekommen griffen wir das erst beste Taxi und fuhren zum bereits für zwei Nächte gebuchten Strawberry Hills, dem ehemaligen Geschäftssitz des legendären Labels Island Records, bei dem auch Marley unter Vertrag war. Die Nummer sprengte zwar bereits am Anfang der Reise das geplante Budget, aber hallo?! Island Records, Marley …. Das war Kulturrecherche und Bildung kostet nun mal!

Die Serpentinen hoch in die Berge bekam Iwi allerdings nur im Traum mit. Sie schlief fest und ich glaubte zu träumen, als wir über die Schlaglochpiste an steilen ungesicherten Abhängen vorbei holperten und unser Fahrer das alles mit einem Tempo meisterte, das vermuten ließ, dass er tief religiös war und seinem Schutzengel häufig huldigte… Aber man hatte uns ausführlich bezüglich der Fahrbahnverhältnisse gewarnt. Wie die Zustandsbeschreibungen der Straßen hielt das Hotel seine Versprechungen, allerdings in sehr angenehmer Weise. Ich war über unseren kleinen Bungalow völlig hingerissen.

BungalowEr hing quasi am Hang und bot von seinem Balkon eine grandiose Aussicht auf Kingston. Das wollte ich mit einem Red Stripe genießen. Allerdings hatte ich die Rechnung ohne Patois gemacht. Mit Dialekten habe ich schon in Deutschland so meine Schwierigkeiten und nun sollte meine Bierbestellung an „Jaaa maaaan“ scheitern. „IWI!!!!!!!!!“ Das einzige was ich verstand, war, dass die Bar angeblich zu hätte und so blieb mir nur die Geheimwaffe: Wir schlugen mit bayrischem Englisch zurück!

„Sie bringen dir dein Bier her!“ … „Was? Das wars, was sie mir die ganze Zeit erzählen wollten?!“ „Ja“ … Hmmm, egal, Hauptsache ich bekam mein Bier.

„Sag mal, ist dein Bett auch gewärmt?“ Iwi setzte zum Sprung an – jamaikanische Betten sind äußerst hochbeinig – und erklärte locker: „Jup!“ Es gab eine mit Timer gesteuerte Bettheizung! Absolut sinnvoll bei der für Jamaikaner unsäglichen nächtlichen Kälte von nur ca. 21 – 22 Grad hier in den Blue Montains …

Strawberry-1Strawberry-Hills

3. Abfahrt zum Jake`s

Nachdem wir uns erst einmal im absoluten Luxus des Strawberry Hills mit Überlaufpool, aus dem man ebenfalls einen passablen Blick auf Kingston und das Meer genießen konnte, akklimatisiert hatten, wagten wir das Abenteuer Mietwagen. Doch als der Mensch des Verleihers 1.500 Euro Kaution abrief und mit uns jede und wirklich jede Schramme zählte, wurde mir langsam Angst.
Auch zum Thema Mietwagen gab es unzählige Reisewarnungen. Angefangen mit: überhaupt nicht auf eigene Faust zu reisen, schon gar nicht mit dem Wagen, wegen der Straßenverhältnisse, der Kriminalität, des Linksverkehrs und diverser anderer Horrorszenarien. Sollte man dann schon entgegen aller Warnungen trotzdem ein Fahrzeug mieten, dürfte man auf gar keinen Fall von den Hauptstraßen abweichen, um Gottes Willen nicht bei Nacht fahren und alle möglichen Versicherungen abschließen. All das im Hinterkopf mieteten wir noch ein einheimisches Navigationsgerät mit dem bezeichnenden Namen “never lost“, obwohl ich wie immer mit allen möglichen Karten ausgerüstet war. Dafür war dann eine weitere Kaution fällig und mir kam der Gedanke, dass eine Taxirundfahrt durchaus preiswerter wäre, wenn auch nur irgend eine Schramme hinzukäme oder „never lost“ verloren ginge …

Da nur Iwi den internationalen Führerschein vorweisen konnte, der angeblich Voraussetzung für das Fahren auf Jamaika war, startete sie als erste Fahrerin in Richtung Treasure Beach an der westlichen Südküste. Wir hatten gelesen, dass das Jakes eine schöne Bungalowanlage an super Stränden sei.

Die erste Hürde, die wir meistern mussten, hieß „never lost“. Selbsterklärend war dem Ding jedenfalls fremd. Kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehend, hatten wir die Navi dann doch noch bezwungen und programmiert. Doch das blöde Ding rächte sich umgehend und führte uns bereits kurz nach Spanish Town von der Autobahn auf die Landstraße. Gut, man sollte zwar die Hauptstraßen nicht verlassen, aber so sahen wir halt auch was von den Ortschaften, die wir passierten und wie eine Hauptstraße sah es noch irgend wie aus. Aber wir hatten die Rechnung nicht mit „never lost“ gemacht. Hinter der nächsten größeren Ortschaft gings ab auf Seitenstraßen. Nachdem dann der Asphalt aufhörte, wurde uns doch mulmig. Nicht dass die Straßen vorher durchgehend asphaltiert waren – vielleicht einmal vor 50 Jahren – aber jetzt gab es nur noch Schotterpiste und wir beide sahen unsere Kaution wie die kleinen Schottersteinchen davon fliegen … Und dann wurde die Schotterpiste zu einem buckligen Ackerweg mit tiefen Regenfurchen und Löchern, gesäumt von Gebüsch.

AbwegeTeilweise waren es nur noch zwei Spuren durchs Gebüsch. Das letzte Haus hatten wir vor Kilometern hinter uns gelassen, doch „never lost“ zeigt unbeirrt weiter den Weg in die Prärie. Ich versuchte inzwischen mit der Karte herauszufinden, wo wir überhaupt waren, als Iwi abrupt stehen blieb und an der nächsten Kreuzung verweigerte. Vor uns lag ein abschüssiger Dreckstreifen, der die Straße sein sollte und so mit Löchern übersät war, dass auch ich davon überzeugt war, dass wir unser Auto da nie durchbekommen. Und ich habe in meiner Vergangenheit schon so einige Buckelpisten überstanden.
Also probten wir den Aufstand gegen „never lost“ und fuhren geradeaus, statt wie befohlen rechts abzubiegen. An jeder Kreuzung – äh, wohl eher Abzweigung auf andere Wald- und Ackerwege – versuchte das Biest uns zurück auf den unpassierbaren Pfad zu bringen, doch wir fuhren nach Gefühl weiter geradeaus. Wir hatten inzwischen einen ungefähren Verdacht, dank der Karte, wo wir waren und folgten einer dicken Pipeline am Rande des Weges. Denn Pipeline bedeutet Industrie und damit auch Anfahrtswege… Wir hatten uns nicht getäuscht, der Weg war inzwischen sogar teilweise mit Flecken von Beton befestigt, die wir aber aufgrund der dicken Löcher darin zu umschiffen versuchten. Und dann gab es tatsächlich das erste Schild nach einer gefühlten Ewigkeit. Beim Näherkommen lasen wir: „Bump“… Gut, Löcher gab es hier viele, aber eines mit Ansage? Wir wurden vorsichtig und tatsächlich handelte es sich um eine so unmögliche Auswaschung, dass wir diese nur schräg ein- und ausfahrend meistern konnten, ohne aufzusetzen. Dadurch landeten wir allerdings im Gebüsch am Wegesrand, was uns die ersten Schrammen bescherte. Bump´s kamen nämlich noch einige. Und dann wurde es auch noch dunkel…

Iwi war nach der langen Fahrt und den Strapazen völlig durch, klammerte sich aber eisern am Lenkrad fest und wollte nicht tauschen. Also navigierte ich mit und gegen „never lost“ weiter und so gegen 22:00 Uhr standen wir tatsächlich vorm Jake´s!

4. Treasure Beach

Dann die schlechte Nachricht: Es gab erst übermorgen wieder Zimmer! Nach kurzer Fassungslosigkeit sahen wir weitere Hotels neben dem Jake´s. Das nächste hatte dann Gott sei Dank Zimmer, warnte uns aber vor morgigem Lärm bis in die Nacht, da man eine Hochzeitsgesellschaft erwarten würde.
Großartig! Eine jamaikanische Hochzeit mit Reggae und Tanz bis in die Nacht? Das wollten wir sehen und buchten ein Zimmer in der oberen Etage. Die hatte eine Art Gemeinschaftsterrasse, so dass man auf den Pool- und morgigen Party-Bereich schauen konnte. Das Zimmer war muffig und das Hotel nicht wirklich Klasse, aber egal, wir wollten die Feier.

Am nächsten Tag vertrieben wir uns die Zeit mit einem kurzen Strandcheck und einem Ausflug nach Alligator Pond. Die Ortschaft war ziemlich verschlafen und wenig beeindruckend. Man hätte zwar Ausflüge auf dem Fluss zu Krokodilen buchen können, doch uns war nach Hochzeit. Also fuhren wir zurück und inspizierten interessiert die Vorbereitungen. Der Pool war inzwischen mit riesigen Boxen, langen Tischen und Bänken gesäumt und die ersten Gäste kamen. Wir verdrückten uns auf die Terrasse, mussten aber enttäuscht feststellen, dass der offensichtlich beauftragte Wedding Planner es schaffte, jede aufkeimende Stimmung im Ansatz zu ersticken. So wie auch nur mehr als einer der Gäste anfing, sich im Takt der Musik zu bewegen, traktierte sie die Gäste und das Hochzeitspaar mit den unmöglichsten Bräuchen, Spielen und Treue-Testfragen. Eine langweiligere Veranstaltung habe ich noch nie gesehen. Da half nur eins, wir plünderten die Biervorräte des Hotels und gingen früh schlafen.

Einzug im Jake´s! Endlich bekamen wir ein Zimmer in einem schönen Bungalow mit Blick aufs Meer. Meine explizite Nachfrage, ob der Blick aufs Meer auch einer sei, wurde mit Unverständnis honoriert. Doch die Frage war nicht unberechtigt. Im Nachbarhotel bot man uns ein Zimmer mit Meerblick, bei dem man den Hals aus einem Seitenfenster heraus verrenken musste, um überhaupt Meer sehen zu können. Doch das Jake´s war klasse. Wir hatten sogar eine kleine Terrasse für uns mit zwei Liegen und Blick aufs Wasser. Es gab einen kleinen Restaurant- und Barbereich, etliche Freizeitangebote bis hin zum Mountainbiken … alles in allem sehr schön!

Treasure Beach

 

Hinter dem abgezäunten Bereich der Anlage des Jake´s lag eine kleine süße Bucht mit ein paar Booten und einer Strandbar nach meinem Geschmack!

 

 

Beach-Bar

Sie sah aus, wie aus Treibholz zusammengezimmert, schilfgedeckt und Anlaufpunkt von ein paar Einheimischen und Touristen gleichermaßen. Viele Touristen gab es allerdings nicht, so dass es ein hübscher entspannter Mix aus netten Leuten war.

Es gab noch zwei kleinere Hotels mit Bar am Strand, doch die Holzhütte bot alles, was man brauchte. Hier hingen wir entspannt ab und buchten auch direkt bei einem der anwesenden Piraten eine Bootstour für den nächsten Tag. Wir hatten von einer weiteren Treibholzbar gelesen, der sagenumwobenen Pelikan-Bar, die mitten im Meer liegen sollte.

…….

Achja, mal so als Einschub: Jamaika ist übrigens auch ein hübsches Plätzchen für Leute die kaum englisch sprechen. Gefühlt jeder Dritte Jamaikaner spricht deutsch!! Das mussten wir am Abend in der Bar vom Jake´s erschreckt feststellen. Also Vorsicht Lästerbacken!! Nachdem wir uns bei der Anfahrt zum Jake´s bereits sämtlichen Verhaltensanweisungen widersetzt hatten, mussten nun auch noch ein paar Vorurteile über Bord. Angebaggert wurde wir hier weniger als in Deutschland. Und wenn, war es eher lustig. So taumelte in Jake´s Bar ein älterer Angestellter – der betrunken in der Bar schlief – nach jedem kurzen Aufwachen auf die blonde Iwi zu und röhrte mit tiefem Bass: „I´m in a daaancing mood!“ während Madam davon stürmte und er verdutzt versuchte sein Opfer auszumachen, darüber aber wieder einschlief. Auch Drogen hat man uns nirgends angeboten. Tatsächlich haben so einige Einheimische neben uns alles mögliche geraucht. Aber auf unsere Nachfrage, was es denn mit dem Klischee so auf sich habe, erläuterte man uns, wir würden nicht so aussehen, als wollten wir was. Die haben uns allen ernstes in der Strandbar gefragt, ob es uns stört, wenn sie neben uns einen Rauchen! Also alles wie immer: Auf das Auftreten kommt es an. Die Herrschaften dort haben Manieren, wie viele anderen Menschen auch auf der Erde und Ausnahmen und Verrückte gibt es auch in Deutschland. Amen.

…….

Am nächsten Morgen waren wir jedenfalls pünktlich am Strand und wurden in einem Fischerboot mit weiteren vier Touri´s verstaut, die der Pirat irgend wo aufgegriffen hatte. Dann gings los. Gott sei Dank hatten die Jungs einen ziemlich kräftigen Motor und wir stürmten derart aggressiv über die Wellen, dass mir vor Angst nicht mal mehr schlecht wurde. Ich werde super schnell seekrank und das selbst in einem gelben Gummiboot auf der spiegelglatten Ostsee, wie ein Freund feststellen musste. Wie damals zurück schwimmen ging hier eher schlecht, daher zog ich die aggressive Fahrweise einer Dümpeltour vor. Begleitet von Delfinen erreichten wir die Bar, die tatsächlich auf einem kleinen Riff vor der Küste erbaut war, in ca. 50 Minuten.

PelikanBarDas runde moderige Gerippe war ebenfalls schilfgedeckt und war bereits mit Touristen und zahlreichen anderen Kuriositäten vollgestopft. Die Bar war ziemlich frequentiert und bot neben geschnitzten und gestrickten Mitbringseln auch minimale warme Küche. Wollte man vor Ort essen, wurde der Fisch bereits vom Boot auf dem Weg zur Bar bestellt. Bei Ankunft wartete der dann fertig zubereitet in der Bar. Da ich allerdings wenig Lust auf gekochten Fisch und rumsitzen mit anderen Touristen hatte, verbrachte ich fast die gesamte Zeit außerhalb der Bar auf dem Steg. Das Wetter war prima und im kristallklaren Wasser zeigte sich alles mögliche Getier, bis hin zu einem ganz passablen Rochen.

Pelikan-Bar-1Alles in allem war der Bootsausflug so cool, dass wir am nächsten Tag noch mal auf Delfin-Sightseeing gehen wollten. Unsere Anfrage beantwortete der Pirat vom Vortag mit: „wenn ihr keinen Gummi-Delfin auf die Tour mitbringt, sehen wir keine!“ So! Da verrauchte das letzte Klischee, an dass ich mich noch geklammert hatte. Nicht mal übers Ohr wollten uns die Jungs hauen! Was ist bloß aus den alten Piratenkodizes geworden?

Also fuhren wir zu Lovers Leap, einer hohen Klippe mit einer dramatischen Liebeslegende. Es war ein hübscher Ausflug, nur der Leuchtturm war wegen Baumaßnahmen geschlossen. Also entspannten wir den Rest des Tages an unserem Strand. Morgen sollte es nach Norden in Richtung Mo-Bay gehen und dann von dort direkt nach Ocho Rios. Wir wollten nicht wirklich nach Negril und Mo-Bay, da man in den Touristenzentren wenig vom wirklichen Leben mitbekommt und wahrscheinlich die Klischees wieder aufbaut, also fragten wir nach einer hübschen Empfehlung für Ochi im Jake´s. Die Bedienung des Restaurants winkte ab und erklärte, dass morgen ca. 5.000 Kreuzfahrttouristen über Ochi herfallen würden, weil man Luxusliner XY erwarten würde und so disponierten wir um. Um so viel wie möglich von der Insel zu sehen, fuhren wir zunächst wie geplant nach Nord-Westen, eben die Route Richtung Mo-Bay und dann an der Nordküste nach Osten an Ochi vorbei und weiter … bis vielleicht zur Blauen Lagune.

5. Mocking Bird Hill

Wir hatten uns inzwischen mit der Zicke „never lost“ auf einen Waffenstillstand geeinigt, was hieß, wir fuhren grundsätzlich nach ihren Anweisungen, aber mit gelegentlichen Korrekturen Dank der Karte. Das funktionierte super. Wirtschafts- oder Waldwege haben wir ab diesem Zeitpunkt nur noch von weitem gesehen. Die Fahrt nach Mo-Bay war toll. Schöne Landschaften, niedliche Dörfchen, Früchtestände am Straßenrand für einen Stop, aber ab Mo-Bay nur noch Beton und nichts, was an eine hübsche karibische Insel erinnerte. Wir sahen zu, dass wir weiter kamen.

Ab Ocho Rios wurde zwar die Landschaft wieder schöner, aber so richtig heimelig wars auch nicht. Das wurde es erst wieder weiter Richtung Osten. Unsere Mammut-Tour bescherte wieder eine Nachtfahrt und dieses mal eine improvisierte Übernachtung bei Port Antonio. Unser Smartphone zeigte ein paar Empfehlungen, die wir nicht fanden oder einfach nicht interessiert genug suchten. Also folgten wir einer Tafel, auf der Mocking Bird Hill stand. Das Mobile verhieß eine luxuriöse und ökologisch geführte Unterkunft mit internationaler Küche. Auf gings! Wir folgten im Dunkeln dem Wegweiser auf einen Hügel. Und da waren sie wieder, die unsäglichen Schlaglochpisten! Meine Güte! Das nächste Mal mit einem Jeep. Aber inzwischen waren wir beide geübt, unsere Limo durch alle Krater zu manövrieren. Ja, wir fuhren eine Limosine! Wir hatten ein unerwartetes Upgrate erhalten für den eigentlich völlig ungeeigneten Wagen, aber wir fanden das Ding super.

Am Hotel angekommen, sah es vom Parkplatz zunächst relativ unspektakulär aus, doch die Inhaberinnen , mit internationaler Kocherfahrung und Teilstudium in Bonn, überredeten uns umgehend zu einer Hausinspektion und das Zimmer war gebucht. Wieder keine ganz preiswerte Angelegenheit, aber daran hatten wir uns hier schon fast gewöhnt. Aber das Anwesen war den Preis wert! Wir hatten ein traumhaftes Zimmer. Groß, wunderschön eingerichtet, nach vorn offen und nur mit Holzlamellen in den Fenstern versehen, die je nach Winkel Luft und Sonne herein ließen oder eben nicht.

Mocking-BirdMan hatte das Gefühl, quasi draußen zu schlafen. Moskitonetze über dem Himmelbett machten es auch wirklich angenehm, denn da hüpfte schon mal ein kleiner Frosch und wer weiß was noch durchs Zimmer. Vor der Fensterfront eröffnete sich der Blick auf den mit großen Windlichtern beleuchteten Pool und den dahinter liegenden verwunschenen Garten. Die im Restaurantbereich angebotene Speisekarte ist nicht sehr lang, dafür sind die Gerichte absolut exquisit und frisch.

gut-bewachtAuf weiteren Etagen fanden wir eine Bar und eine kleine Terrasse auf dem Dach mit Blick auf das Meer über die bewaldeten Hügel. Geschlafen haben wir so gut wie nie und geweckt wurden wir von Geräuschen, die wir sonst nur aus den Urwäldern dieser Welt kannten. Unverschämt schön!

6. Marc

Dennoch zog es uns am nächsten Tag aus der luxuriösen Abgeschiedenheit zur Long Bay – auch wenn das Hotel mit diversen interessanten Ausflügen warb. Und wieder fanden wir die im Internet erwähnten und von Mitstreitern geprüften Pensionen nicht. Nach der dritten Runde am Strand von Long Bay und Standing Ovations der dort sitzenden Einheimischen, die sich womöglich in einem Flashback wähnten, entschieden wir uns der bewährten Methode eine weitere Chance zu geben und folgten einem Schild mit der Aufschrift „Pimento Lodge“. Das klang vielversprechend und schon waren wir wieder auf einem holprigen Berg mit nur zu erahnendem Schotterweg unterwegs. Irgend wie hatte das System… Als das Schild uns dann noch über eine mit riesigen Steinen gespickte Rasenfläche nach links dirigierte, wollte ich streiken – immerhin saß ich am Steuer (Übrigens von der örtlichen Polizei in einer Kontrolle auch trotz fehlendem internationalen Führerschein unbehelligt!). Aber Iwi zeigte auf das schon zu erkennende große Eingangstor und war trotz meines Einwandes, es sei doch ein Bauzaun, unerbittlich. Blöde Beifahrer!

Und dann standen wir vor dem BAUZAUN, der mit einer Kette zugeknotet war. Doch Iwi war im Entdeckermodus: „Da hinten sind Leute. Ich höre doch Stimmen und Baugeräusche…“ „Baugeräusche?“ kreischte ich fast … was wollen wir auf ner Baustelle?“ Doch Madam war längst aus dem Wagen, machte sich an der Kette zu schaffen und öffnete das Tor. Auch mein letztes Argument „Was ist, wenn die hier Hunde haben?“ prallte an ihr ab und ich musste mit auf den Bau.

PiementoNach den ersten vorsichtigen Schritten in das weitläufige Areal eröffnete sich der Blick auf vier bis fünf 2-etagige Häuser, die in den Fels gebaut waren. Sie waren mit Treppen verbunden, da sie alle auf unterschiedlicher Höhe standen. Jede der Etagen war ein Gästezimmer … oder wohl eher Suite – mit riesigem Balkon. Einzig der Pool und die davor befindliche Bar waren noch im Bau, boten aber einen ganz netten Blick aufs Meer. Die Anlage war bildschön, sehr neu und gepflegt. Und Iwi behielt Recht. Wir trafen auf den Eigentümer, der selbst am Pool werkelte. Er stellte sich als Marc vor und … er sprach perfekt deutsch!!! Marc war irgendwas weit über 50, quietschfedel und hatte mehr als ein Jahrzehnt in Deutschland als Ingenieur gearbeitet. Von dem Ersparten hatte er sich diese traumhafte Anlage gebaut, das Meiste sogar in Eigen-leistung. Wir waren stark beeindruckt, denn die Suiten ließen keinen Wunsch offen – Kühlschrank, Fernseher (Ich werde nie verstehen, was Leute mit nem Fernseher im Urlaub wollen. Ich persönlich habe in anderen Ländern vor der Tür das beste Programm.), Sitzecke, riesiges Bett, Moskitonetze etc. Wir buchten und Iwi, die alte Krämerseele verzichtete für einen Rabatt auf die Frühstücksoption, überzeugte Marc dann aber, dass mindestens ein morgendlicher Kaffee inklusive sein muss! Wir waren die einzigen Gäste und so bekamen wir zusätzlich Dauerbetreuung.

Am nächsten Morgen erzählte Marc von seinen tollen Kochkünsten … Gäste, könnten auch Vollpension buchen und wären immer zufrieden gewesen … Aber die Sache entwickelte sich anders, als er dachte. Im Laufe des Gespräches wurde die Atmosphäre irgend wie familiär. Dann war klar, einheimische Küche wollen wir auch und zwar bei ihm. Also schrieb er uns einen Einkaufszettel und wir versprachen jede Zutat zu besorgen, wenn er mit uns Abends jamaikanisch kocht.

Blaue-LaguneMit dem Zettel fuhren wir dann, nach einem kurzen Abstecher in die für meinen Geschmack mehr als langweilige Blaue Lagune, auf den Markt von Port Antonio. Über den waren wir bereits am Vortag gegeistert und erfreuten die Marktladies. Dass wir von der Hälfte der Zutaten auf der Liste noch nichts gehört hatten, fanden die ziemlich lustig, behielten uns dann aber im Auge, bis wir alles zusammen hatte. Sehr süß und hilfsbereit!

MarktObwohl nicht alle nett waren: Iwi probte den Aufstand, als uns ein Typ anzählte und nicht aufhörte zu beschimpfen. Angeblich hätten wir ihn an seinem Stand nicht besucht, obwohl er uns gestern doch eingeladen hätte. Der Typ pöbelte sich so hoch, dass er mehrfach laut über den Markt „fuck you!“ schrie und Iwi trocken antwortete „Fuck yourselfe“ … Nach der Antwort brach ein junges Mädel fast vor Lachen zusammen und wir hatten viele neue Freunde…

Zurück bei Marc enterten wir seine Küche. Wir fungierten bei den Vorbereitungen als Schnippelkräfte und seine Kochkünste waren, wie versprochen, exzellent. Wir waren drei Nächte dort und sind mit Marc noch auf einer der typischen Straßenparties unten am Strand gelandet. Die finden vor irgend einer Bretterbude statt, in der man Getränke ordern kann, ein findiger Autobesitzer fährt vor und dann werden zwei bis drei riesige Boxen auf das Autodach geschnallt, an die Batterie der Kiste angeschlossen und schon geht die Party ab. Einer der Gäste fragte uns, als wir einfielen: „Ihr seid mit Marc hier, oder?“ und als wir bejahten, nervte definitiv keiner … Tanzen und Trinken mit Marc, unserem Schutzengel.

Allerdings nervte ich am letzten Strandtag. Es gab einen Strandimbiss, in dem wir öfter waren … Nichts dolles aber die Leute waren ganz nett. Insbesondere die Bedienungen. So gab mir eine der Ladies mal einen Hunderter mit der Ermahnung zurück, besser aufzupassen. Die Hunderter sähen aus, wie die Zehner und den hätte ich nur zahlen müssen. Ich war beschämt ob meiner blöden Vorurteile!

ContainerbarDie meisten Bars waren zum Teil aus diesen Standard-Cargo-Containern gebaut. Da wurden dann nur ein oder zwei Fensterlöcher reingeschnitten und schon war der Imbiss oder die Bar fertig. Und auch dort am Strand war so ein Ding in den Bau integriert. Allerdings hatte sich darauf ein Künstler mit einem Marley Portrait verewigt und seine Telefonnummer hinterlassen. Ich bin passionierte Gemälde-Sammlerin. Dabei entscheidet aber nur mein Verständnis von schön, so dass einige der bisher erstandenen Gemälde wohl dem Anspruch eines „Kenners“ nicht genügen würden. Doch für mich sind die Bilder aus meinen Reiseländern immer mit einer Geschichte verbunden, die sich meist aus der Jagd nach ihnen ergibt, womit sie einen hohen ideellen Wert für mich bekommen. Und ich brauchte selbstverständlich ein Gemälde aus Jamaika. Iwi kannte mich schon so lange, dass sie wusste, ich verlasse die Insel nicht ohne! Also telefonierte die Bedienung dem Künstler hinterher. Der war aber irgend wo verhindert. Angeblich in einer Auftragsarbeit … Vielleicht auch stoned auf irgend einer Terrasse, aber sie erklärte, dass sie einen anderen Maler kennen würde. Der wurde angefordert und erschien auch tatsächlich mit ein paar Rollen am Strand. Ich wurde fündig und alle waren glücklich.

7. slow motion in den Blue Mountains

So schön es bei Marc war, wir wollte in die Blue Mountains und die Kaffeefabrik von Mavis Bank sehen. Als Kaffeejünger ist ein Besuch einer Rösterei in den Blue Mountains Pflicht! Also verließen wir ihn, nicht ohne Adresstausch sowie einem ernst gemeinten Wiedersehens-versprechen und machten uns auf den Weg.

worlds-endZur Straßensituation auf dem Weg dahin muss man nicht mehr viel sagen. Es war nach wie vor eine sportliche Herausforderung. Dann irgend wann passierten wir den Ort World´s End und fanden, dass der Name Programm war, im krassen Gegensatz zum Forres Park Resort & Spa, in dem wir unterkommen wollten. Das fast ausschließlich aus Holz erbaute Hotel befand sich inmitten bizarr schöner Berge und Kaffeeplantagen am Rande des kleines Ortes Mavis Bank. Wie es sich den Namen „& Spa“ verdiente, sollten wir allerdings erst nach erheblicher Überzeugungsarbeit herausfinden. Die nette, aber phlegmatisch wirkende Rezeptionistin zeigte uns ausschließlich die kleineren Zimmer in der unteren Etage. Unsere Nachfrage, wie die Zimmer oben denn wären, beantwortet sie kurz mit: „Die bucht sowieso keiner“. Nach einer weiteren halben Stunde Genörgele durch uns, ließ sie sich dazu drängen, uns doch nach oben zu führen und zeigte widerwillig die sogenannte „Jacuzzi-Suite“. Schon aus Protest buchten wir den wirklich einzigen Spabereich des Hotels – obschon das Zimmer fast romantisch schön war und mit einer tollen Aussicht aufwarten konnte – und erlebten die Damen des Hauses in den nächsten Tagen darüber immer noch fassungslos. Bezugsfertig war die Suite dann aber erst zwei Stunden später, da sich eine offenbar in Trance befindende weitere Angestellte auf den steilen Aufstieg begab, um uns den bisher nie vermieteten Raum zu säubern. Gott sei Dank hat sie sich dabei nicht zu viel Mühe gegeben, da wir sonst wohl erst am nächsten Morgen hätten einziehen können. Die Zeit vertrieben wir uns mit einer Besichtigungstour im heimischen Garten. Die Inhaber bauen hier viele Zutaten für ihre Küche bis hin zu eigenen Kaffeesträuchern an.

Die geplante Besichtigungstour am nächsten Morgen in der Jablum-Fabrik verpassten wir fast, weil die sich immer noch in Trance befindende Mitarbeiterin den Frühstückskaffee in einer Art meditativer Zeremonie servierte. Sie brauchte für die 15 Meter vom Küchenausgang bis zu uns 5 Minuten – ich schwöre, denn ich habe mitgestoppt. Während Iwi sich an ihrem frischen Orangensaft festhielt und das Schauspiel beobachtete, tröstete sie mich mit den Worten: „Na wenigstens ist das Zeug dann wieder warm, wenn sie hier ist“. Irgend wann hatte ich dank des Kaffees meinen Blutdruck auf Wachmodus angehoben und wir erwischten tatsächlich noch eine letzte Führung durch die Fabrik mit der großartigen Barbara.

Barbara war gefühlte 45 Jahre, klein und rundlich und seit vielen Jahren in der Jablum-Rösterei angestellt. Ihren Angaben zufolge hatte sie die 50 Marke aber bereits weit überschritten. Der Job war ihrer Meinung nach unterbezahlt und dennoch zeigte sie Touristen gern für die geforderten 8 Dollar Eintritt „ihre“ Fabrik.

Barbara

Kaffee-1

Kaffee

Am Anfang uns beiden Frauen gegenüber noch etwas verhalten, wurde sie zunehmend kribbeliger und aufgeschlossener, als sie merkte, dass wir eigentlich ganz nett waren, wir uns im Fabrikgelände aber auch einer gewissen Maschine näherten. Bereits zwei Hallen vorher berichtete sie von diesem Wunder der Technik, in welches die Bohnen oben reingeschüttet, dann gemahlen unten wieder aus der Maschine raus geschüttelt werden. Das Rausschütteln erfolgte über eine Art breites Formblech mit leichter Neigung nach unten, welches den Rutsch des Pulvers noch durch leichte Rechts- und Links-Bewegungen beschleunigte. Diese Bewegung versetzt Barbara offenbar in Begeisterung, denn jedes mal, wenn sie auf diese Maschine zu sprechen kam, ahmte sie intuitiv die Bewegung des Rüttelbleches mit den Hüften nach und geriet so bei ihren Erzählungen in eine Art souligen Bauchtanz. Nachdem wir dann endlich mit „Shaking-Barbara“ – wir fanden, den Namen hatte sie sich wirklich erarbeitet – vor der sagenumwobenen Maschine standen, zeigten wir uns natürlich ihr zuliebe besonders begeistert. Ich glaube, danach mochte sie uns… Als sie uns am Ende der Führung dann noch hocherfreut über die 5 Dollar Tip verschwörerisch zuflüsterte, dass sie davon ihrem Mann nichts abgeben, sondern das Geld allein in einen guten Drink heute Abend investieren wolle, mochten auch wir sie!

Den letzten Abend in Mavis Bank verbrachten wir mit Familienportionen „Jerk Chicken“ – dem Nationalgericht – vom Straßengrill und Red Stripe, dass wir in allen kleinen Läden zusammenstoppeln mussten, weil jeder Laden nie mehr als ein Bier gekühlt bereit hielt.

8. Abschied in Kingston

Der Weg zurück nach Kingston führte uns noch an mehreren angeblichen Attraktionen des Landes vorbei. Einzig die Bambus-überspannten Straßen waren spannend. Die beschworene mehrfarbige Bucht in Yallahs Pond glich einem giftig gelb-braunen Dreckloch und die Umgebung war ebenso trostlos.

Wir hatten noch drei Tage und wollten diese in einem renommierten Hotel, dem Morgans Harbour, bei Port Royal und in Flughafennähe von Kingston verbringen. Das Hotel befand sich auf der zum Teil aufgeschütteten Halbinsel, die den natürlichen Hafen vor der Hauptstadt begrenzte. Der neue Flughafen war ebenfalls auf dieser Halbinsel integriert, so dass man zwar in Flughafennähe, aber dennoch ziemlich cool mit Blick auf die Hauptstadt aus Meeresperspektive residierte. Das Hotel war Kult, da ein Teil eines Bond Klassikers dort gedreht wurde, aber man war auch ab vom Trubel der Stadt und in extrem kurzer Anfahrt zum Flughafen, was sich später noch als sehr wichtig erwies…

Eingegrooved mit „never lost“ fanden wir die Anlage prompt. Der Portier, der uns Einlass durch das Zufahrtstor gewährte, versprach eine Luxusunterkunft nach Bond-Manier … aber die Anlage selbst hatte ihre besten Tage lange hinter sich – die Preise allerdings nicht. Die in dem halbrunden zwei-etagigen Hauptgebäude untergebrachten Zimmer waren ziemlich abgerockt, die Küche eine Zumutung und immer wehte ein Hauch von Müll an der Wasserseite des Geländes an uns vorbei… Was wirklich schade und nur pure Nachlässigkeit der Betreiber war. So fand sich im Halbrund des Gebäudes ein kleiner normaler und ein Salzwasserpool. Letzterer war lediglich durch ein paar Gitterstäbe zur Bucht getrennt und war grundsätzlich von Plastikmüll bedeckt. Es grenzte eine kleine Marina an, zu der man über das hoteleigene Restaurant und die Bar kam. Beide endeten ebenfalls an der Wasserkante, mit Blick auf Kingston. also wirklich schön, wenn jemand die PET-Flaschen und Plastiktüten eingesammelt hätte…

MarinaWir checkten trotzdem ein und genossen den Blick auf die Insel mit leichter Wehmut. Doch Iwi erinnerte sich in einem Anflug von Realitätsnähe an die verschrammte Limousine und entschwand mit einem Eimer Wasser. Dank der meterdicken Staubschicht auf dem Wagen hatte ich das abzusehende Desaster verdrängt. Aber nun holte uns die Angst in Höhe von 1.500 Euro ein … Das Wasser aus Iwi´s Eimer brachte das Unausweichliche zu Tage und sie starrte fassungslos auf den geschundenen Körper unseres blauen Offroad-Wunders. Erst die Hand von Carlos, dem Portier, auf ihrer Schulter riss sie aus der Schockstarre. Er stand plötzlich hinter ihr und erklärte mit fachmännischem Blick auf das Dilemma: „Ich habe ein Boot und hole mal die Politur“ und entschwand … Gerade als sie wieder in ihre Starre verfallen wollte, tauchte Carlos mit seinem Equipment auf und begann den Wagen zu polieren. Eine halbe Stunde später glänzte die Karre wie neu und hatte definitiv weniger Schrammen als bei der Übergabe!!! IUnd schon rechnete ich mir die Chancen auf eine Bonuszahlung beim Verleiher aus … CARLOS!! Der Held, der Wunder vollbringen konnte!!! Diesen heiligen Mann haben wir zu Tode getippt! Nein im Ernst, wir haben ein stattliches Trinkgeld gespendet – nicht einmal ein Bruchteil der Kaution – aber so viel, dass er völlig verzückt unser Schutzengel für die letzten Tage wurde.

Wir wollten auf die „Badeinsel“ Lime Cay. Das Hotel erklärte, dass erst morgen wieder Boote gehen, doch Carlos organisierte innerhalb einer halben Stunde einen Lift dort hin und zurück. Der Lift zurück war nach Ankunft auf der Insel irgend wie nicht mehr so ganz klar, denn die Herrschaften mit dem Boot verschwanden. Kurzerhand knüpfte Iwi intensive Kontakte zu anderen Touristen, um uns in deren Boot zurück an Land zu schleusen! Denn baden auf der „Badeinsel“ war irgend wir für keinen der anwesenden Touristen aufgrund der Gegebenheiten ein Option.

Lime-CayNach der Nummer würde mich bis heute interessieren, ob der baggernde jamaikanische Neureiche, den Iwi für den Rücktransport auserkoren hatte, tatsächlich auf der preisgegebenen deutschen Mobilnummer die Kontaktaufnahme versuchte… es war die Nummer ihres gerade von ihr geschiedenen Ehemannes :-) Letztlich tauchte der Rückfahrlift jamaikanisch pünktlich – eine Stunde Verspätung – auf und wir benötigten die Hilfe der anderen Herrschaften nicht mehr.

Am nächsten Tag empfahl Carlos einen Ausflug in nahe liegende Höhlen mit historischen Felszeichnungen der Ureinwohner, da es regnete??!!! Bei Ankunft war die Höhle trotz offizieller Besichtigungszeit erst einmal geschlossen. Wie uns die penetrant herausgeklingelte Mitarbeiterin später erläuterte, weil es regnete …(?) Von uns und vier weiteren Ausflüglern überzeugt, gewährte man uns trotz der wetterbedingten Widrigkeiten Einlass, versah uns zunächst mit einem Haarnetz und dann noch mit einem modischen Helm. So ausgestattet starteten wir die Tour in den jamaikanischen Hades. Von der ersten Sekunde des geführten Rundgangs an, erläuterte uns die nette Mitarbeiterin, wie gefährlich es hier sei, dass man froh sein könne, Erdbeben zu überleben, die nach ihrer Meinung in den nächsten Sekunden Lawinen von Gesteinsbrocken über uns regnen lassen würden und dass sie ob des fürchterlich gefährlichen Jobs total unterbezahlt sei.

GrotteEine kurzes Intermezzo zu den Horrorszenarien gewährte sie im Anblick der unglaublichen Felszeichnungen. Ihren Angaben zufolge – und zugegebener Maßen auch der des zu Rate gezogenen Reisejournals – stritten die Wissenschaftler nach wie vor über das Alter der Zeichnungen, die Bedeutung und die Urheber … Für unsere ungeübten ignoranten Touristenaugen hatte man sogar einen Holzrahmen über dem mystischen Gemälde angebracht … und meiner Meinung nach auch die Strichführung nach jedem Regen nachgezogen … Möchte wissen, welche Bedeutung den elenden TAG-Schmierereien an den S- und U-Bahnen durch Archäologen in hundert Jahren zugeschrieben werden.

BildZurück im Morgans Harbour erinnerte ich mich an zwei Jet-Ski, die ich an der Marina gesehen hatte und zog Carlos zu Rate: „Kennst du die Eigentümer der Jet-Ski?“ Carlos trocken: „Nein, …… aber den, der die Schlüssel hat!“ Und schon hatten wir zwei leere Kanister im Kofferraum, denn der Deal war, wir beschaffen Treibstoff, geben eine kleine Spende an den Hüter der Schlüssel und er richtet eines der Geräte her. Gesagt getan. Wir fuhren tanken, Carlos übernahm die Kanister, bereitete ein Maschinchen vor und wir machten den Hafen unsicher.

MorgansAn unserem letzten Abend beendeten wir, was wir am Abend zuvor begonnen hatten: wir quälten die Bedienungen mit unserem Reggae – es lebe das Smartphone – und soffen die Bar endgültig leer. Eine der Kassiererinnen hatte am Vorabend Mut gefasst und mit unserer Hilfe ein kleines Wörterbuch: Patois – Deutsch erstellt. Selbstverständlich war nicht alles stubenrein und die Aussprache musste am nächsten Tag intensiv vertieft werden.

Eigentlich sollte die Bar gegen 23:00 schließen, doch alle feierten mit uns bis … „Ina! Wir müssen!“ … „Was? Wie spät ist es?“ … „Vier. Unser Flieger geht in 1,5 Stunden und das Taxi ist in 15 Minuten am Hotel“ … Ach herje … und wir hatten noch nicht einmal gepackt…

Zu Bewusstsein kam ich in New York. Meine irritierte Frage, wie wir denn in den Flieger gekommen sind, beantwortete Iwi mit: „samt allem Gepäck und pünktlich!“ Respekt!!!!